Haben Sie schon einmal die 110 gewählt? Die Notrufnummer der Polizei ist für Menschen in Not meist der letzte Ausweg, die Hoffnung auf Hilfe. Rund 30 000 Mal wird die Nummer im Jahr angerufen. Am gefragtesten ist die Nummer in der Silvesternacht. Dann gibt es so viele Anrufe wie sonst in rund einer Woche.

Altstadt. Silvester in der Notrufzentrale. Oder wie es korrekt heißt: im Lage- und Führungszentrum (LFZ) der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord. Die Schicht beginnt um 20 Uhr. Sieben Männer sind im Raum, sechs davon hört man ab und an leise reden. "Bis Mitternacht ist es meist relativ geschmeidig", sagt der siebente. Es ist Frank Sennewald, Führungsbeamter vom Dienst (FvD). Bei ihm laufen die "Fäden" zusammen von allem, was in dieser Nacht passiert. Silvester Dienst zu haben, sei für ihn ganz normal, sagt er. Auch vor drei Jahren war er dabei, als am Hasselbachplatz die Massenschlägerei stattfand. Seitdem, so sagt er, gehe er "gespannter in den Dienst" der letzten Nacht des Jahres.

Seit 2008 ist Sennewald FvD und verbringt den Jahreswechsel in der Notrufzentrale. Sie ist für diese Nacht personell aufgestockt mit sieben Leuten, sonst sind es drei bis vier. Erfahrungsgemäß wird es gegen 0.30 Uhr stressig, erzählt er, "wenn die Leute genug getrunken haben und dann anfangen zu streiten".

50 Beamte der Magdeburger Polizei sind in dieser Silvesternacht im Einsatz, verstärkt von einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei. Neun Polizei-Fahrzeuge fahren durch die Stadt, unterstützt vom Zentralen Einsatzdienst, insgesamt 14 Wagen. "Wir wollen durch Präsenz vorbeugen", erklärt Frank Sennewald.

Krawalle wie 2007/2008 soll es nicht wieder geben. Vor allem an den Brennpunkten ist die Polizei präsent: Am "Hassel" und am Neustädter Platz.

Schichtbeginn ist um 20 Uhr, gut eine Stunde früher sind die Kollegen da, zur Übergabe und Absprache über aktuelle Vorkommnisse.

Statt lautem Klingeln ein kurzer Ton, dann spricht Heiko Rittweger in das Mikrofon vor seinem Display. "Wo genau ist das?", fragt er. In der Halberstädter Straße brennt ein Container. Einer von vielen in dieser Nacht – mehr als 14 werden es bis 4 Uhr. Es ist 20.04 Uhr, die Feuerwehr wird benachrichtigt, eine Streife geschickt.

Gefahr von oben, heißt es bei Stephan Hannemann: Am Dach des Schauspielhauses lockern sich Eiszapfen. Er gibt die Meldung an die Feuerwehr weiter und schickt einen Streifenwagen zur Absicherung. Währenddessen spricht Klaus-Peter Großkreuz mit einer Frau, die offensichtlich betrunken ist und sich nicht in ihre Wohnung traut. Er rät ihr, bei ihrem Freund zu bleiben.

Gegen 21 Uhr wird bei Karl-Heinz Röhl eine vermisste Person gemeldet. Eine 85-Jährige ist aus ihrem Wohnheim verschwunden. Röhl gibt die Daten der Frau an den Leitenden Einsatzbeamten weiter, der die Suche startet. Einbezogen werden auch MVB und Taxizentrale. Seit 1994 macht Karl-Heinz Röhl Dienst am Notruftelefon. Am schwierigsten, sagt er, sind die Suizid-Androhungen. "Dann muss man sich Zeit nehmen, ruhig bleiben." Die meisten wollen reden, die 110 ist ihr letzter Halt. Im LFZ arbeiten dann alle zusammen, benachrichtigen Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizeistreife.

Das ist die einzige Ausnahme für lange Gespräche. Sonst sind die Antworten der Beamten kurz und präzise. Die Leitungen müssen so schnell wie möglich wieder frei sein. Zehn gibt es insgesamt, ein "Besetzt" gibt es nicht, höchstens eine (möglichst kurze) Wartezeit.

Rund 50 Anrufe gibt es bis Mitternacht. Ein Zeuge meldet einen Mann, der ein Fahrrad samt Schloss durch die Leipziger Straße trägt. Eine Streife erwischt den 34-jährigen Dieb. In der Sieverstorstraße bewerfen Passanten Autos gezielt mit Feuerwerkskörpern. In Olvenstedt werden Raketen in Richtung von Balkons eines Wohn- und eines leer stehenden Hauses geschossen. Eine 90-Jährige meldet verwundert, dass es vor ihrer Tür ständig knallt.

Aus Sudenburg ist zu hören, dass eine Frau versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Polizeibeamten sind rechtzeitig zur Stelle, die Frau wird ins Krankenhaus gebracht.

Um 0.30 Uhr startet eine regelrechte Welle von Anrufen. Bis zum Schichtwechsel werden es über 400. Da sitzt auch der FvD mit am Notruftelefon. Ruhestörungen werden angezeigt, zersprengte Briefkästen, Schlägereien, ein Einbruch. Zwischendurch wünschen Anrufer "Einen guten Rutsch!", später ein "schönes neues Jahr!" Nett gemeint, sagt Frank Sennewald, aber sie blockieren den Notruf. Der ist für Menschen in Notlagen. Was das bedeutet, scheint einigen unklar. Öfter gibt es Anrufe mit Fragen nach Bahnfahrplänen, der Wetterprognose oder dem TV-Programm. Das kann zur Anzeige führen. Der Missbrauch des Notrufs ist strafbar.

Gegen 3.15 Uhr wird im Bereich der Sophienstraße eine Gruppe tönender Randalierer gemeldet. Es kommt zu einer Prügelei zwischen offenbar rechts- und linksorientierten Personen. Als die Polizei auftaucht, hüllen sich die Betroffenen in Schweigen.

Gut 120 Einsätze gibt es in dieser Nacht. Als am Morgen die Schicht an die Ablösung übergeben wird, heißt es: Die Nacht war überwiegend friedlich und störungsfrei. Für die Verhältnisse in einer Silvesternacht.

Bilder