Einmal im Monat zieht Leben in das triste Verwaltungsgebäude in der Georg-Kaiser-Straße ein: Wo normalerweise Mitarbeiter des Stasi-Archivs die Akten durchforsten, streifen dann Besuchergruppen umher. Manche nutzen die Gelegenheit und stellen einen Antrag auf Einsicht in die eigene Akte. Die 200 000. Anfrage steht kurz bevor.

Sudenburg. Gäbe es so etwas wie goldene Regeln für Diktaturen, diese wäre sicherlich eine davon: Damit sich die Menschen möglichst regimetreu verhalten, gib ihnen das Gefühl, als würdest du sie auf Schritt und Tritt überwachen – auch wenn du es gar nicht tust.

Wie nachhaltig diese Taktik auch Jahre später fortwirkt, verdeutlicht eine Frau mittleren Alters bei der öffentlichen Führung durch das Stasi-Archiv am vergangenen Dienstagabend. Sie berichtet vom "Eigenleben" ihrer früheren Telefonleitung: Sobald am Apparat die Ziffer acht gewählt worden sei, so die Frau, habe es verdächtig in der Leitung geknackst. Da habe doch sicher die Stasi ihre Hände im Spiel gehabt, will sie sich jetzt von Jörg Stoye bestätigen lassen. Gespannt richten sich elf weitere Augenpaare auf den 47-Jährigen.

Doch der Magdeburger Außenstellenleiter der BStU, oder wie es richtig heißt: der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, sieht das ein wenig anders. Statt der unsichtbaren Überwacher könne schließlich auch fehlerhafte Technik für das Knacken verantwortlich sein. "Die Stasi war nicht überall, aber man dachte, sie ist es", erklärt Stoye seinen Besuchern das System. Eine "innerliche Disziplinierung" nennt er den psychologischen Vorgang, der sich da-ran anschließt. Er glaubt: "Wenn die Stasi wirklich am Telefon mitgehört hat, hat es meistens nicht in der Leitung geknackt."

Stoye arbeitet seit 1992 in der BStU-Außenstelle, seit 2004 ist er deren Leiter. Vor seinem Umzug nach Magdeburg hat der gebürtige Könnerner in Leipzig Geschichte und Deutsch studiert und war 1989 in das "Revolutionsgeschehen" eingebunden, wie er es nennt.

Inzwischen ist er der Herr über die knapp 7000 laufenden Meter Schriftgut aus vergangenen Zeiten. In dem Gebäude der ehemaligen Stasi-Zentrale finden sich mehr als zwei Millionen Karteikarten, Bild- und Tondokumente sowie topografische Karten. Zusätzlich lagern hier etwa 9000 Säcke voller Papierschnipsel von Dokumenten, die die DDR-Führung schon vernichtet hatte. Doch die Erschließung der Papiere hat Fortschritte gemacht: Gut 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sind etwa 92 Prozent des Gesamtbestandes erschlossen.

Das gibt vielen ehemaligen DDR-Bürgern die Möglichkeit, sich ihre eigene Stasi-Akte anzuschauen. Bis heute sei das Interesse daran ungebrochen, sagt Stoye. "Das Niveau ist konstant hoch. Jährlich gehen zwischen 6000 und 9000 Anträge auf Einsichtnahme bei uns ein." Drei Viertel davon seien Erstanträge. "Viele überlegen sehr lange und sehr gründlich, ob sie Dinge erfahren wollen, die sich so stark auf ihr persönliches Leben auswirken können", so der Leiter weiter. Der 200 000. Antrag wird noch in diesem Monat erwartet.

Bei den monatlichen Rundgängen führen er oder einer seiner Mitarbeiter durch das Archiv, helfen beim Ausfüllen der Anträge, erklären Aufbau und Arbeitsweise der Stasi. Manches ist der Besuchergruppe am heutigen Abend bereits bekannt: Dass gut 3500 offizielle und 12 500 inoffizielle Stasi-Mitarbeiter auf die gut eine Million Bewohner im früheren Verwaltungsbezirk Magdeburg kamen, zum Beispiel. Anderes hingegen ist ihnen neu – wie das "symbolische Bonussystem", für Stasi-Mitarbeiter. "Mal gab es eine Flasche guten Schnaps, mal ein anderes Sachgeschenk im Wert von um die 50 Ost-Mark", sagt Jörg Stoye. Die Aussicht auf Reichtum kann also schwerlich der Grund gewesen sein, das so manchen DDR-Bürger zum Stasi-Spitzel werden ließ. "Charakterliche Schwäche", mutmaßt einer murmelnd. "Viele wurden unter Druck gesetzt", kontert ein anderer, auch murmelnd.

Manche erhoffen von ihrem Besuch konkrete Antworten. Zum Beispiel ein Ehepaar, das bereits Einblick in seine Stasi-Akten genommen hat. Die beiden Magdeburger wollen wissen, warum die Papiere an so vielen Stellen geschwärzt sind und was da vor ihnen geheimgehalten werden soll. "Geschwärzt wird dann, wenn außer Ihnen auch andere Personen in der Akte erwähnt werden", erklärt Stoye. "Dann greift deren Persönlichkeitsschutz." Dieser Schutz gelte allerdings nicht für die Täter, also die Stasi-Mitarbeiter.

"Wir haben ja kein Interesse daran, Ihnen Informationen vorzuenthalten" beruhigt er das Ehepaar. Die beiden nicken.

 

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