Magdeburg. +++ Fußballdeutschland im WM-Fieber +++ Verzweifelter Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko +++ Überfüllte Grillplätze an warmen Sommerabenden in Magdeburg +++ Das waren Themen, über die die Volksstimme am 6. Juli 2010 schrieb. An diesem Tag geschah in unserer Stadt aber noch etwas anderes. Etwas, das uns alle bewegen würde …

Gehen wir in Gedanken ganz einfach kurz an diesen Platz an der Elbe, an die Sternbrücke. Dorthin, wo sich am späten Abend des 6. Juli ein menschliches Drama ereignete.

Es ist etwa 22.10 Uhr. Ein lauer Sommerabend. Matthias Jacob, Wirtschaftsstudent an der Uni Magdeburg, kommt gerade vom Joggen aus dem Stadtpark. Er steckt mitten im Prüfungsstress. Nach 10 Stunden am Schreibtisch ist der Lauf an frischer Luft die beste Art, den Kopf freizubekommen. Der damals 23-Jährige hält kurz vor der Sternbrücke an, macht noch ein paar Dehnübungen, um danach auf die andere Seite und nach Hause zu laufen. Doch plötzlich hört er, wie auf der Brücke ein paar Leute auf einen Mann einreden, der auf dem Brückengeländer sitzt und offenbar vorhat … zu springen!

Dann ist das Unfassbare auch schon geschehen. "Ich habe es nur noch laut platschen hören. Kurz darauf sah ich den Mann auch schon im Wasser treiben", erinnert sich Matthias Jacob.

Es sind dramatische Augenblicke. Augenblicke, in denen der junge Mann den alles entscheidenden Entschluss fasst: Du musst ins Wasser! Du musst diesen Mann da rausholen! Er stirbt, wenn du nichts unternimmst!

"An etwas anderes habe ich in dem Moment gar nicht gedacht", erzählt Matthias Jacob später. Er konzentriert sich nur noch darauf, das Erlernte abzurufen. Und reagiert blitzschnell. Während die anderen auf der Brücke ihn noch anfeuern: "Hilf ihm, hilf ihm!", zieht der sportliche junge Mann bereits die Schuhe aus, springt in den Fluss und schwimmt auf den Ertrinkenden zu. Dieser hat offenbar kaum noch Kraft. Die Strömungen zwischen der Sternbrücke und dem Domfelsen sind stark und unberechenbar.

Matthias Jacob schwimmt mit aller Kraft auf die Flussmitte zu. Es ist schon fast dunkel und er hört den Mann nur noch keuchen und schlucken. Alles hängt nun von ihm ab! Davon, dass er die kräftige Person, die hilflos weitertreibt, aus dem Wasser bekommt.

Zum Glück weiß der Student genau, was zu tun ist. Er wollte ursprünglich eine Laufbahn bei der Polizei in Hamburg einschlagen und hat deshalb dort eine Grundausbildung absolviert. Nach zwei Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen zwar abbrechen. "Aber das Bergen von Ertrinkenden mit Klamotten habe ich dort gelernt", erzählt der junge Mann. Dieser Umstand kommt ihm jetzt zu Hilfe. "Schwimm auf dem Rücken!", gibt Matthias Jacob dem Brückenspringer Anweisungen. Der 47-jährige, kräftig gebaute Mann folgt seinen Befehlen.

Matthias Jacob schafft es, den lebensmüden Mann ans Ufer zu ziehen. Der 47-Jährige ist fast unversehrt. Als er am Ufer sitzt, bricht er in Tränen aus, berichtet seinem Retter, warum er sich umbringen wollte. Er sei verzweifelt gewesen, weil in seinem Leben vieles schiefgelaufen war. Nach Problemen daheim habe er den Entschluss gefasst, von der Brücke zu springen.

"Ich wusste: Ich würde für diesen Mann in die Elbe springen"

Sein großes, vielleicht das größte Glück seines Lebens war es, dass er genau in diesem Moment einen Schutzengel in seiner Nähe hatte: Matthias Jacob. Ein junger Mann, der selbst noch sein ganzes Leben vor sich hat. Der Träume hat und Wünsche. Der sein Studium "Internationales Management" in Magdeburg beenden und schon bald ein Semester im Ausland studieren möchte – zum Beispiel.

Doch all das, das eigene Glück, ja sogar das eigene Leben, spielte für den jungen Mann aus Hankensbüttel bei Gifhorn in diesem Moment keine Rolle. In dem Augenblick war für Matthias Jacob klar: Er würde für diesen fremden Mann in die Elbe springen. Ohne irgendetwas über ihn zu wissen oder darüber, warum er seinem Leben ein Ende setzen wollte. Ohne zu fragen: Wäre es das wert? Matthias Jacob wollte ihn einfach nur retten.

Ich habe mich beim Schreiben dieser Zeilen ernsthaft gefragt, ob ich diesen Mut hätte. Hätte ich den Mut? Hätten Sie den Mut? Im Bruchteil von Sekunden alles zu geben?! In einen Fluss zu steigen, der einen mit seinen unberechenbaren Strömungen jederzeit mit in die Tiefe reißen könnte ... Hätte ich den Mut? Ich hoffe es, aber ich weiß es natürlich nicht.

Matthias Jacob wusste es sofort. Er war nicht nur zufällig im richtigen Moment am richtigen Ort, er hat auch – sich seiner Stärken bewusst – die richtige Entscheidung getroffen. Eine bewundernswert mutige, selbstlose Tat.

Es hätte schiefgehen können – freilich. Aber das ist unserem Helden erst klar geworden, als er später mit seiner Familie und Freunden über das Geschehene sprach. Und auch, wenn ihm die Brisanz, die Gefahr für das eigene Leben, schon in diesen dramatischen Augenblicken an der Elbe bewusst geworden wäre – Matthias Jacob sagt ganz klar: "Ich hätte mich nicht anders entschieden."

Warum? Weil dieser junge Mann aus Niedersachsen besonders mutig ist? "Sperren Sie mich für ein paar Minuten mit 10 Schlangen in einen Raum, da werden Sie sehen, wie schnell mich mein Mut verlässt", sagt Matthias Jacob und muss bei dem Vergleich selbst ein wenig schmunzeln. Denn natürlich hat auch er Ängste.

"Mit 10 Schlangen im Raum habe auch ich Angst"

Er ist kein Alleskönner, kein Überflieger, sondern einfach nur ein junger, sympathischer Mensch, der weiß, was er will. Der weiß, wo er hin will und der dennoch auf dem Boden bleibt. Seine Lebensretter-Großtat ist in seinen Augen etwas Selbstverständliches: "Solch eine gute Tat ist einfach ein schönes Gefühl", sagt er heute über das bleibende Moment dieses Abends.

Der große Maler Vincent van Gogh hat einmal gesagt: "Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren." Matthias Jacob hat Mut, sogar überlebensgroßen Mut bewiesen. Und damit einem Menschen sein Leben zurückgegeben.

Denn das Leben ist lebenswert. Es ist lebenswert, auch wenn man dies im Moment der Verzweiflung vergessen mag. Das hat Matthias Jacob dem Mann, den er rettete, mit seiner selbstlosen Tat am Abend des 6. Juli gezeigt. Es ist so viel wert, dass es sogar lohnt, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um das eines anderen zu retten. "Hab Mut zu leben!", hat er dem lebensmüden Mann damit gesagt. "Und ich hab den Mut, dir zu helfen!"

Matthias Jacob half – mit seinem beherzten Sprung in die Elbe. Mit seiner Kraft, den verzweifelten Mann zu packen und ihn ans Ufer zu ziehen. Damit hat Matthias Jacob uns alle beeindruckt. Wir zollen ihm dafür all unseren Respekt.

Erkannt hat das letztlich auch der Mann, der dem Studenten aus Niedersachsen sein Leben verdankt. Der gerettete 47-jährige Magdeburger hat sich später bei Matthias Jacob bedankt. Er hat ihm gesagt, dass sein Sprung von der Brücke eine Kurzschlussreaktion gewesen und er froh sei, dass Matthias Jacob ihm zu Hilfe geeilt ist. Wer wollte da noch sagen, der hohe Einsatz habe sich nicht gelohnt ...

Die dramatische Rettungsaktion erfuhr an diesem Abend übrigens noch einen skurrilen Abschluss. Der Notarzt hatte bei Matthias Jacob nach all den Anstrengungen eine Unterzuckerung festgestellt und ihn mit ins Krankenhaus genommen.

In Zeiten klammer Gesundheitskassen sollte man das aber in jeder Lebenslage vor Augen haben: An der Aufnahme bedeutete man dem jungen Studenten, er möge erst einmal die 10 Euro Klinikgebühr zahlen, bevor er überhaupt einen Doktor zu sehen bekomme ...

Mit klatschnassen und vor allem leeren Hosentaschen wirklich ein Ding der Unmöglichkeit! Matthias Jacob war vorübergehend zahlungsunfähig.

"Das sind Schlagzeilen, die Spaß machen"

Dass ein Lebensretter vor ihnen stand, bekam das diensteifrige Personal erst später mit (letztlich erließ man Matthias Jacob die Zahlung). Dafür überreichte man ihm nach den Untersuchungen einen brombeerfarbenen Schwesternkittel, mit dem er sich um kurz nach Mitternacht auf den 15-minütigen Fußmarsch nach Hause machen konnte. Die nassen Sachen trug er im Beutel bei sich.

Was für ein Anblick, oje! "Ich war froh, dass es Nacht war und mir nur zwei Fahrradfahrer entgegenkamen. Am Tage wäre mir das mit dem Schwesternkittel echt peinlich gewesen", sagt Matthias Jacob und muss dabei erneut schmunzeln.

Tja, als Lebensretter kann man was erleben. Und man landet unwillkürlich in der Zeitung! "Mutiger Lebensretter – Student zieht Mann aus der Elbe", das konnten wir dann am 8. Juli in der Volksstimme lesen.

Es sind, lieber Matthias Jacob, Schlagzeilen, die uns Journalisten ausgesprochen Spaß machen. Und wir alle sagen Ihnen hier an dieser Stelle: "Hut ab!" Wir sind mächtig stolz auf Sie! Solch mutige Schutzengel wie Sie wünschen wir uns auch künftig in der Stadt.

In diesem Sinne: Bleiben Sie so fröhlich und mutig. Zu guter Letzt hat die Volksstimme noch etwas Spezielles für Sie organisiert. Heute Abend müssen Sie nicht zu Fuß nach Hause gehen. Nein, kein Taxi ... Viel besser. Eine Polizeistreife wird Sie nach der Feier fahren, wohin immer Sie möchten. Denn wir sind der Meinung: Das haben Sie sich einfach mal verdient.