Die aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts belegen, dass es 2010 rund 70 000 HIV/AIDS-Infizierte und 3000 Neuinfizierte in Deutschland gab. 550 Menschen starben an HIV/AIDS. Wie aber sehen die Zahlen für Magdeburg aus? Wie ist die Situation der in Magdeburg lebenden AIDS-Kranken? Und wie werden die Erkrankten unterstützt? Im Gespräch mit dem Geschäftsführer der Aids-Hilfe Magdeburg und Landesgeschäftsführer der Aids-Hilfe Sachsen-Anhalt, Sven Warminsky, erfuhr Volksstimme-Praktikantin Cynthia Kundt mehr über die Arbeit der AIDS-Hilfe und die Situation Erkrankter in Magdeburg.

Volksstimme: Herr Warminsky, zu Beginn: Wie lange gibt es die AIDS-Hilfe Magdeburg bereits und gibt es einen Schwerpunkt in der Arbeit?

Sven Warminsky: Die AIDS-Hilfe Magdeburg gibt es seit dem 14. Januar 1991. Wir haben also in diesem Jahr 20-jähriges Bestehen. Neben dem Landesverband gibt es nicht nur die Aids-Hilfe Magdeburg, sondern auch noch die Hilfen in Halberstadt und Halle. Die Schwerpunktsetzung ist, bis auf ein paar spezielle regionale Unterschiede, gleich. Es geht um die Primärprävention, nicht nur von HIV und AIDS, sondern von sexuell übertragbaren Krankheiten generell. Zudem ist es unsere Aufgabe, HIV/AIDS-Infizierte zu betreuen. Dabei geht es vor allem um eine lebensumfassende Betreuung. Neben der Hilfe zur Selbsthilfe sind wir auch ein Fachverband. In dieser Funktion organisieren wir zum Beispiel Weiterbildungen für mittleres medizinisches Personal.

Volksstimme: Welchen Menschen im Speziellen hilft die AIDS-Hilfe Magdeburg?

Sven Warminsky: Unsere Aufgabe ist es natürlich, den HIV-Positiven und AIDS-Erkrankten zu helfen. Wir sehen es aber auch als unsere Aufgabe an, den An- und Zugehörigen zu helfen. Ich betone deshalb die Zugehörigen, da es auch wichtig ist, den Menschen aus dem Freundeskreis eines Klienten zur Seite zu stehen und ihnen ihre zahlreichen Fragen zu beantworten.

Volksstimme: Wie sieht diese Hilfe genau aus?

Sven Warminsky: Die Hilfe ist so unterschiedlich wie Menschen selbst sein können. Unsere Hilfe umfasst nahezu alle Aspekte und Probleme des gesamten Lebensspektrums. Manchmal ist es einfach nur ein Gespräch, das bereits hilft. Darüber hinaus beantworten wir natürlich auch medizinische Fragen und übernehmen die psychosoziale Betreuung.

Volksstimme: Gibt es eine Zielsetzung bei der Arbeit?

Sven Warminsky: Natürlich. Wir kämpfen gegen die weitere Ausbreitung von AIDS und gegen die noch immer weit verbreitete Diskriminierung und Stigmatisierung von Betroffenen.

Volksstimme: Die AIDS-Hilfe Magdeburg feiert dieser Tage ihr 20-jähriges Bestehen, was hat sich seit Beginn bei der Arbeit verändert?

AIDS war und ist ein Tabuthema

Sven Warminsky: Vieles. Vor 20 Jahren waren viele Lebensperspektiven von Betroffenen schlichte Utopie. Im Gegensatz zu damals ist das schnelle Sterben an der Erkrankung nur noch ein Ausnahmefall, aber dennoch Realität. Viele verstarben damals innerhalb von wenigen Jahren. Durch die heute in Deutschland zugänglichen Medikamente gibt es dieses Siechtum, welches man mit der Krankheit verbindet, in den meisten Fällen so nicht mehr. Es gibt ein neues, ein anderes Bild von AIDS. Man kann heute in Deutschland als Infizierter weit länger leben, als man sich das vor 20 Jahren zu träumen wagte. Dieser sehr positive Effekt hat leider auch zur Folge, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Krankheit verharmlost wird und somit auch die Sorglosigkeit in der Bevölkerung steigt. Ich muss immer wieder betonen, dass AIDS nicht heilbar ist und man sein ganzes restliches Leben schwerwiegende Medikamente schlucken muss, deren Langzeitwirkungen noch niemand kennt. Eine Sache hat sich zu meinem größten Bedauern in den letzten 20 Jahren nicht verändert: AIDS war und ist ein Tabuthema.

Volksstimme: Wir sprechen von HIV und AIDS, können Sie an dieser Stelle noch einmal kurz den Unterschied erklären?

Sven Warminsky: Als HIV-Positive bezeichnet man die Träger des HI-Virus. Ist der Virus soweit fortgeschritten, dass es zu einem Ausbruch der Krankheit kam, spricht man von AIDS. AIDS ist also die Krankheitsbezeichnung.

Volksstimme: Wie viele HIV-Positive und AIDS-Kranke gibt es in Magdeburg? Können Sie außerdem bereits eine Bilanz für das Jahr 2010 ziehen? Wie viele Neuinfizierte gab es in Magdeburg? Wie viele Todesfälle?

Sven Warminsky: Die Statistik im HIV-Bereich ist ein sehr schwieriges Feld und würde sicherlich im Detail den Rahmen unseres Gesprächs sprengen. Bleiben wir aber mal bei den Fakten für Magdeburg. Die Zahl der Klienten in Magdeburg stieg von 5 im Jahre 1999 auf nunmehr 131 im Jahr 2010. Dieser Anstieg ist natürlich enorm. Laut Statistik des Robert-Koch-Institus gibt es derzeit 141 HIV-Positive in Magdeburg. Die Dunkelziffer ist allerdings sehr hoch und niemand kennt sie. Im Jahr 2010 hatten wir den Tod von zwei Klienten zu beklagen.

Nicht der Topfen auf dem heißen Stein

Volksstimme: Jedes Jahr wird erneut versucht, durch ganzjährige Plakataktionen oder durch den Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember auf das Thema aufmerksam zu machen und die Menschen zu informieren. Wie ist die Situation und gesellschaftliche Akzeptanz HIV/AIDS-Infizierter in Magdeburg wirklich?

Sven Warminsky: Die Situation ist sehr durchwachsen, aber tendenziell schlecht. Ein Grund für Diskriminierung ist die fehlende Aufklärung, und natürlich haben unsere Klienten Angst davor. Wir raten daher in den meisten Fällen, nicht über eine Infektion zu sprechen.

Volksstimme: Herr Warminsky, was wünschen Sie sich für die Aids-Hilfe für das Jahr 2011?

Sven Warminsky: Für die AIDS-Hilfe Magdeburg wünsche ich mir, dass der Stadtrat endlich aufwacht und erkennt, dass Magdeburg keine HIV-freie-Zone und die bisherige Förderung noch nicht einmal der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein ist. Für die AIDS-Hilfe Sachsen-Anhalt wünsche ich mir einen Sozialminister oder eine Sozialministerin, der oder die sich HIV und AIDS mehr als bisher auf die Fahne schreibt.