Die Magdeburger wären froh, wenn er besser heute als morgen aus dem Stadtbild verschwinden würde. Und tatsächlich sieht es derzeit danach aus, dass der Blaue Bock an der Reuter-Allee, Ecke Breiter Weg in diesem Jahr abgerissen werden könnte. Doch schon vor dem "Fall" des Schandflecks will der Verein Kulturkollektiv dem "Blauen Bock" zu neuen Ehren verhelfen – mit dem gleichnamigen Magdeburger Kulturpreis. Anfang 2012 soll er erstmals vergeben werden.

Altstadt. Der Blaue Bock – eine Auszeichnung, ein Gütesiegel? Auf den ersten Blick scheint das schwer verdaulich. Wie er so dasteht als hässliches Entlein mitten in der Innenstadt, alt und verfallen – wirkt er so gar nicht ehrenvoll. Kulturschaffende dieser Stadt sahen das allerdings schon voriges Jahr ganz anders. Die Urbanpiraten hauchten mit einer vierwöchigen Aktion dem toten Bauklotz neues Leben ein mit Ausstellungen, Theater, Lesungen und Partys.

So wären die Urbanpiraten durchaus ein Anwärter für den neuen Magdeburger Kulturpreis, mit dem ab kommendem Jahr die Macher von Kulturprojekten geehrt werden sollen. Dass der neue Preis den Namen "Der Blaue Bock" tragen wird, findet Magdeburgs Kulturbeigeordneter Rüdiger Koch "charmant", wie er gestern bei der Vorstellung des Kulturpreises sagte. Für die Akteure des Vereins Kulturkollektiv gibt es einige gute Gründe, den "Blauen Bock" in Rang und Würde eines Pokals zu heben: Der Name habe Lokalbezug, sei griffig und einprägsam – und er könne mit positiven Inhalten besetzt werden. Der Inhaber des "Blauen Bocks" darf sich also künftig geehrt fühlen.

Ehrung für die Macher hinter den Kulissen

So ziemlich alle Bereiche der Kulturszene sollen mit dem neuen Preis erfasst und die besten Projekte ausgezeichnet werden. Egal ob Operninszenierung, Kabarett, Konzert, studentisches Kunstprojekt, Jugendtheater, Kinderaktion, die angesagteste Clubreihe oder sogar das originellste Programmheft.

"Wichtig ist, dass diesmal nicht die Band oder der Künstler gewürdigt werden, sondern die Macher hinter den Kulissen. Das muss auch keine Institution oder ein gemeinnütziger Verein sein. Das kann auch mal eine Veranstaltungsagentur sein, wenn sie das beste Konzert des Jahres abgeliefert hat", erklärt Alexander Bernstein, Vorstandsmitglied des Vereins Kulturkollektiv. Der Verein hat sich 2010 extra zu dem Zweck gegründet, den neuen Magdeburger Kulturpreis ins Leben zu rufen. "Die Zeit ist reif für diesen Kulturpreis", findet Alexander Bernstein, der neben Sandra Kilian (Vorsitzende) und Franziska Dusch (Stellvertreterin) im Vorstand des 15-köpfigen Vereins tätig ist. In Magdeburg habe sich in den letzten zehn Jahren eine äußerst engagierte, vielfältige Kulturszene bis in viele Stadtteile hinein entwickelt, doch "eine wirkliche Reflexion" finde darüber nicht statt, sagen sie. "Die Leistung wird leider unterschätzt. In Magdeburg selbst wie auch außerhalb", so der Vereinsvorstand.

Das soll sich nun ändern. Mit dem "Blauen Bock" soll jedes Jahr "das Spektrum der lokalen Kultur bzw. die Kulturschaffenden selbst geehrt werden", sagt Alexander Bernstein. Die Magdeburger selbst werden am Ende dieses Jahres erstmals aufgerufen sein, in den sechs Kategorien über die Publikumspreise, darunter sind die Bereiche Theater, Ausstellung, Clubkultur oder Konzerte, mit zu entscheiden. Daneben wird eine Jury aus Fachleuten über die Nominierung und Vergabe des Hauptpreises "Der Blaue Bock 2011" sowie über die drei Sonderpreise in den Bereichen Druckkultur, Kinderkultur und Urbankultur beraten.

"Am Ende gibt es eine öffentliche Preisverleihung, die Ende Januar, Anfang Februar 2012 stattfindet", so Alexander Bernstein. Der Verein will nun mit der Vorbereitung beginnen. Um die Magdeburger von Anfang an einzubinden, sollen in diesem Jahr monatlich von März bis November Veranstaltungen zu den Themen des Publikumspreises vom Konzert bis zur Lesung auf die Beine gestellt werden. In Kürze wird die neue Homepage im Internet aktiviert, und monatlich soll zum Beispiel mit Postkarten für die Aktion geworben werden. "Wir wollen die Magdeburger aktiv einbinden und hoffen damit auch auf eine rege Beteiligung", erklärt Alexander Bernstein.

Der Kulturbeigeordnete der Stadt Rüdiger Koch zeigt sich vom Elan des jungen Vereins beeindruckt. "Dass diese Initiative mitten aus der Kulturszene kommt, ist großartig", so Koch. Der Preis und die damit verbundenen Aktionen seien ein Baustein auf dem Weg zu einer möglichen Bewerbung Magdeburgs als Europäische Kulturhauptstadt 2020.

"Kultur schafft auch Stadtentwicklung"

Zwar gebe es in Magdeburg mit dem Eike-von-Repgow-Preis, dem Telemann-Preis und dem Kaiser-Otto-Preis bereits mehrere Auszeichnungen, doch die, so Koch, seien alle an Personen gebunden und würden nicht so tief in die lokale Kulturszene eintauchen. "Deshalb unterstützt die Stadt auch den neuen Verein und sein Anliegen, Kunst und Kultur in der Breite zu fördern", sagt er. Die Arbeit werde mit 3500 Euro aus dem Kulturtopf der Stadt und 6000 Euro von der Kaiser-Otto-Stiftung gefördert. Das Geld sei gewiss gut angelegt, meint Koch, denn Kultur leiste in der Stadt viele Beiträge. "Nehmen wir das Alte Theater, die Festung Mark oder das Forum Gestaltung. Sie wurden durch die Kulturschaffenden neu belebt." Das seien also auch Beiträge zur Stadtentwicklung, die mit einem solchen Kulturpreis künftig geehrt werden könnten.