Mit seinen Wiederaufbauplänen für die gesprengte Ulrichskirche haben er und sein Kuratorium nicht nur eine bislang nie da gewesene städtebauliche Diskussion ausgelöst. Erstmals wird dazu die basisdemokratische Form des Bürgerentscheids praktiziert. Der Stadtrat hat am Donnerstag vergangener Woche sein Votum dafür abgegeben. Volksstimme-Redakteur Karl-Heinz Kaiser sprach mit dem Kuratoriumsvorsitzenden Tobias Köppe.

Volksstimme: Wie haben Sie das Votum pro Bürgerentscheid aufgenommen?

Tobias Köppe: Natürlich hätten wir es gern gesehen, wenn die Magdeburger unseren Plänen auch so gefolgt wären. Der Rat hatte sich ja bereits mehrheitlich für die Vorhaben des Kuratoriums ausgesprochen. Aber es gibt in der Tat unterschiedliche Auffassungen. Das respektieren auch wir, alle nunmehr 230 Kuratoriumsmitglieder sind Demokraten genug. Das geht also für uns in Ordnung. Wir hoffen nur, dass sich genügend Magdeburger am Entscheid beteiligen werden.

Volksstimme: Würden Sie eine Prognose über den Ausgang wagen?

Tobias Köppe: Wir wollen den Bürgerentscheid gewinnen. Vielleicht wird es, sportlich gesagt, ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ich denke aber, die Magdeburger werden sich für den Wiederaufbau der in der protestantischen Welt höchst bedeutenden Kirche entscheiden. Wir werden also die Nase vorn haben.

Volksstimme: Was macht Sie da so sicher?

Tobias Köppe: Die Tatsache, die ich bereits angedeutet habe. Von dieser Kirche in Magdeburg gingen entscheidende Impulse für grundlegende Umgestaltungen und freiheitliche Ideale aus. Luther hat seine Thesen an die Wittenberger Schlosskirche genagelt. Die hier in Magdeburg entstandenen Centurien sind weltbedeutende Schriften. Ich sehe zwischen beiden durchaus eine Ebene. Außerdem passt die Ulrichskirche hervorragend in die städtebauliche Struktur. Darüber sind sich viele Experten einig. Das Bauwerk ist sowohl für kirchliche als auch für weltliche Schichten und natürlich für die Tourismuswirtschaft interessant und wichtig.

Volksstimme: Aber gerade hier sieht eine ganze Reihe von Bürgern einen Widerspruch. Diese sagen, die Kirche will das Bauwerk gar nicht haben. Und sie bemängeln ein fehlendes Nutzungskonzept.

Tobias Köppe: Das stimmt so aber nicht. Zum ersten Punkt. Landeskirche und Kreiskirchenrat haben sich dafür ausgesprochen. Die Altstadtgemeinde hat Ja gesagt. Im Gemeindeboten wurde für unser Vorhaben plädiert. Wer also das Gegenteil sagt, ist nicht richtig oder nicht vollständig informiert. Zum zweiten Punkt: Es ist eine Nutzung als City-Kirche vorgesehen. Das heißt jeder, der in der City ist, soll sie für sich nutzen können. Gottesdienste in herkömmlicher und moderner Form sind angedacht. Die Altstadtgemeinde, der Kreiskirchenrat werden sich mit dem Konzept beschäftigen. Auch damit, welche seelsorgerischen und karitativen Angebote es geben wird.

Volksstimme: Und wie ist die "weltliche Nutzung" angedacht?

Tobias Köppe: Eine Idee zielt auf ein Magdeburger Musikmuseum ab. Das haben wir doch noch nicht, auch nicht mit dem Telemannzentrum. Und: Telemann ist zwar der ganz Große in Magdeburg. Aber die Stadt hat eine viel weitreichendere Musikgeschichte. Außerdem ist es denkbar, ein Dokumentationszentrum über die Sprengung von Kirchen nach 1945 und ideologische Verknüpfungen einzurichten. Drittens geht es darum, zu zeigen, wie Magdeburg zu Herrgotts Kanzlei wurde. Was die Stadt für die Reformation und den Protestantismus geleistet hat. So etwas ist international von gro- ßem Interesse.

Volksstimme: Es gibt zu den gesprengten Kirchen von Ihnen ausgearbeitete Dokumentationen im Internet.

Tobias Köppe: Ja, seit über zwei Jahren. Zum Abschluss gebracht sind die Vorbereitungen für den Druck eines Buches über die Ulrichskirche. Das ist eine wissenschaftliche Dokumentation, bei der mich der Magdeburger Literaturwissenschaftler Dr. Guido Heinrich und der Historiker Dr. Hans Seehase unterstützt haben.

Volksstimme: Was tun Sie und das Kuratorium in der Zeit bis zum Bürgerentscheid, der am 20. März gemeinsam mit der Landtagswahl stattfindet?

Tobias Köppe: Die Magdeburger weiter für unsere Pläne gewinnen. Seit Dezember steht dazu der vom Kuratorium beschaffte grüne Informationscontainer auf der Westseite des Ulrichplatzes. Er ist werktags von 14 bis 18 Uhr und am Sonnabend von 11 bis 17 Uhr besetzt. Bis zu 50 Bürger kommen täglich.

Dankenswerterweise hat der Stadtrat mit dem Tourismuspavillon hinter dem Kunstmuseum uns und der Bürgerinitiative für den Bürgerentscheid bis März auch eine Räumlichkeit zum Dialog und zur Information zur Verfügung gestellt. Das werden wir nutzen.

Volksstimme: Der Wiederaufbau der Ulrichskirche wird mit etwa 30 Millionen Euro veranschlagt. Sind Sie gleichfalls optimistisch, dass es gelingt?

Tobias Köppe: Es wird schwer werden. Aber ich bin mir ebenfalls sicher, dass wir es schaffen werden. Wir werden international aktiv, in den USA, in den protestantisch geprägten europäischen Ländern wie Schweiz und Schweden. Zur Klarstellung: Wir haben immer gesagt, dass wir keine städtischen Mittel beanspruchen. Der ohnehin knappe Haushalt soll nicht belastet werden. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht um öffentliche Gelder bemühen werden. Die Europäische Union, Brüssel, wird durchaus ein Anlaufpunkt für das Kuratorium werden.

Volksstimme: Sie sind der Initiator der Bewegung Ulrichskirche. Man sagt, Sie seien kein Magdeburger?

Tobias Köppe: Geboren bin ich in Zerbst und aufgewachsen in Haldensleben bei Magdeburg. Ich bin mit Ohrewasser getauft, und das fließt ja bekanntlich in die Elbe. Ich habe in Magdeburg meinen Hauptwohnsitz. Meine Arbeit als plastischer Chirurg übe ich in einer Klinik in Düsseldorf aus, das hat sich so gefügt. Die Hälfte des Monats arbeite ich als Chirurg, beziehe so natürlich nur 50 Prozent meines Gehalts. In der anderen Hälfte bin ich in Magdeburg, um mich vor Ort ehrenamtlich als Kuratoriumsvorsitzender um Fragen der Ulrichskirche zu kümmern. Außerdem arbeite ich in dieser Zeit in den Archiven wissenschaftlich an der Herausgabe meines Buches über die Ulrichskirche. Es soll in Kürze erscheinen.

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