Eine geballte Ladung von Lebensweisheiten und Alltagspoesie: Die Mitarbeiter der Schulgeschichtlichen Sammlung sowie die AG "Dialog der Generationen" hatten die Magdeburger aufgerufen, alte Poesiealben vorzustellen. Über 50 Elbestädter brachten ihre bis zu 120 Jahre alten Alben mit.

Altstadt. Dicht gedrängt sitzen Alt und Jung in dem kleinen Raum in der Schulgeschichtlichen Sammlung in der Brandenburger Straße beieinander und lauschen den einleitenden Worten von Elke Buschau. Es ist bereits die zweite Runde über die Poesiealben, die erste Gruppe ist gerade ein Stockwerk höher bei Gerhard Potratz, der als "Lehrer Lämpel" einen Eindruck vom Schulunterricht von vor 100 Jahren gibt.

"Wir hatten so viele Anmeldungen, dass wir die Besucher in zwei Gruppen aufteilen mussten", freute sich Elke Buschau vom Schulmuseum über die große Resonanz und ergänzt mit Bedauern: "Einigen konnten wir leider nur absagen, deshalb wollen wir die Aktion aber bald wiederholen."

Der Grund, warum über 50 Magdeburger dem Aufruf gefolgt sind, ist die gemeinsame Erinnerung an ihre alten Poesiealben. Gerda Häusler steht als Erste auf, sie hat gleich vier Alben mitgebracht. "Die stammen aus drei Generationen meiner Familie", erzählt sie. "Das älteste ist noch von meiner Oma aus dem Jahr 1888", sagt sie und hält ein schmales Buch mit rotem Einband und aufwändigen goldenen Verzierungen hoch.

"Zwei sind von meiner Mutter von 1909 und aus den Jahren des 1. Weltkriegs, das jüngste stammt von mir aus dem Jahr 1940", erklärt sie weiter. "Das sieht schon viel schlichter aus als das von meiner Großmutter, hier haben sich meine Eltern, Lehrer und Klassenkameraden eingeschrieben."

Neben den in Schönschrift verfassten Sprüchen wie "Gehst du ins Leben hinaus, ehre stets dein Elternhaus" waren auch die kleinen bunten Bildchen, die neben die Zeilen geklebt wurden, stets ein Hingucker. Ursula Lehmann zeigt in ihrem Exemplar einige besonders schöne Beispiele der sogenannten Stampfersblumen. "Der Name hat gar nichts mit ¿Stampfen‘ zu tun, sondern kommt von dem ¿Stammvers‘" erklärt Elke Buschau den Anwesenden.

Der Zeitgeist der jeweiligen Epoche spiegelt sich ebenfalls in den Alben wider. Bei Ursula Lehmann sind z. B. Zeilen zu lesen, die die deutschen Tugenden loben und neben denen kleine Bilder von Hitlerjungen kleben.

Helga Schettge, die gerade den vierten Band ihrer Magdeburger Poesiealben vorbereitet, gibt ebenfalls einige Anekdoten zum Besten. "Meine Mutter hat sich bei mir als Erste verewigt und hat damals tatsächlich einen Marienkäfer zum Pressen zwischen die Seiten gelegt", erzählt sie. "Dafür ist die Seite, die für meinen Vater reserviert war, bis heute leer geblieben", fügt sie mit einem Lachen hinzu.

Dass ein falscher Spruch auch das Ende einer Freundschaft sein kann, beweist sie ebenfalls. Der Tanzpartner ihrer Mutter, ein Herr Notdurft, verspielte sich nämlich alle Chancen bei ihr, als er "Lebe lustig, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh" in ihr Album schrieb. Die Besucher bedauerten, dass heutzutage viel zu wenig mit der Hand geschrieben wird. Allzu oft wurde die PC-Tastatur oder das Handy benutzt. Ein junges Mädchen erzählt jedoch, dass sie erst am Wochenende einen Brief an ihre Eltern geschrieben hat.

Heute kursieren oftmals Freundschafts- oder Schnüffelbücher im Klassenzimmer, in denen die Freunde ihre Vorlieben beim Essen oder den Musikgeschmack verraten sollen. So viel von sich preiszugeben, finden die meisten der Anwesenden nicht so gut

Ob nun eine fromme Belehrung vom Pfarrer oder ein sinnfreier Spruch wie "In allen vier Ecken soll Liebe drinstecken": Die Erinnerungen, die mit den Einträgen verbunden sind, bleiben durch sie auch lange nach der Jugendzeit erhalten. Darin sind sich alle einig.

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