Die Kritik und der Widerstand gegen ein Großrechenzentrum im Heinrich-Mundlos-Ring geht weiter. Und sogar eine Parallele zum Stuttgarter Bahnhof wird von der örtlichen Bürgerinitiative gezogen.

Neue Neustadt. Sie heißt www.magdeburg21.de und ist die Internetseite der Bürgerinitiative im Heinrich-Mundlos-Ring, die sich gegen einen Ausbau des T-Systems-Rechenzentrums in der Lübecker Straße wehrt. Stuttgart21 lässt schön grüßen. Der Sinnzusammenhang ist auch gewollt, steht Stuttgart21 doch für den Bürgerprotest gegen ein umstrittenes Bauprojekt. Im Heinrich-Mundlos-Ring ist es das Rechenzentrum der Telekom-Tochter.

Seit rund einem halben Jahr kämpfen die Anwohner gegen den Ausbau das Rechenzentrum. Der Global-Player T-Systems will bis 2015 zusammen mit einem Standort in Biere ein Doppel-Rechenzentrum bauen, das das größte seiner Art in Deutschland werden soll. 200 Millionen Euro will das Unternehmen investieren, zu den bereits 620 Mitarbeitern sollen noch einmal 80 dazukommen. Das Magdeburger Rechenzentrum soll um rund 2400 Quadratmeter IT-Fläche anwachsen, die auf zwei neue 26 Meter hohe Betonhallen verteilt werden. Diese "Bunker" werden in rund 30 Meter Entfernung zur Eigenheimsiedlung im Heinrich-Mundlos-Ring stehen.

Und sind darum der Stein des Anstoßes im Anwohnerprotest. Die Hallen würden die Grundstücke über Gebühr beschatten, es wird mit Lärmbelästigung und Elektrosmog gerechnet und dass die Grundstücke, die in den vergangenen drei Jahren erst bebaut wurden, erheblich an Wert verlieren würden.

Da der Bebauungsplan als Entwurf zur Hälfte den Magdeburger Stadtrat bereits passiert hat, sind Politik und Stadtverwaltung das Ziel der Kritik. Die Anwohner fühlen sich einer "Willkür" aus dem Rathaus ausgesetzt. Aus rein wirtschaftlichen Gründen solle der Bebauungsplan gegen den Willen der Bürger durchgesetzt werden.

Der Bebauungsplanentwurf lag bereits öffentlich aus. Im jüngsten Stadtrat wurden die gegen den Plan eingegangenen Einwendungen und Änderungsvorschläge behandelt und größenteils abgelehnt. Der fertige Bebauungsplan wird jetzt bis zur März-Stadtratssitzung in den Fachausschüssen beraten und soll dann als Bebauungsplan erneut öffentlich ausgelegt werden.

Kritik am Gutachten, Gespräch mit T-Systems

So weit will es die Bürgerinitiative aber möglichst nicht kommen lassen. Geplant sind weitere Treffen mit den Parteien im Stadtrat, bei Wahlkampfveranstaltungen wollen die Anwohner auf ihr Problem aufmerksam machen, Flugblätter werden verteilt und für den 21. Februar ist ein Gespräch mit Vertretern von T-Systems in Magdeburg ge-plant.

Die Kritik an dem Bauvorhaben, die im Vorwurf der "Willkür" mündet, richtet sich zum Beispiel gegen ein Gutachten über die Auswirkungen der geplanten 26 Meter hohen Gebäude auf die Sonnen- und Schattenverhältnisse im Mundlosring. "Dieses Gutachten ist extrem lückenhaft und weist eine Menge Darstellungsmängel auf", sagt Anwohner Stephan Stuch, der sein Haus direkt neben dem T-Systems-Gelände hat. Es würden bei gleicher Fragestellung mehrfach Skaleneinteilungen, die zur Bewertung dienten, verändert, die grafischen Darstellungen seien zum Teil mehr als lückenhaft und ein und dieselbe Messung käme im Laufe des Gutachtens zu verschiedenen Ergebnissen, wie etwa bei den Lichtmessungen für den 17. Januar 2011. Problematisch sei auch, dass ein möglicher dritter Erweiterungsbau, der im Bebauungsplan aufgeführt sei, in dem Gutachten nicht mit abgeprüft worden sei. Da dieses Gutachten aber eine der Entscheidungshilfen für die Stadträte sei, wolle man versuchen, dagegen vorzugehen, so Stephan Stuch.

Hoher Stromverbrauch, 30-KV-Kabel geplant

Ein zweiter Kritikpunkt sei der enorme Stromverbrauch, den das neue Rechenzentrum haben werde. In Spitzenzeiten verbrauche der Großrechner so viel Strom wie ein Viertel des gesamten Verbrauchs der Stadt Magdeburg. Das gehe aus den Plänen hervor. Um diesen riesigen Bedarf für einen einzelnen Betrieb sicherstellen zu können, müsse eine neue 30-KV-Leitung zum Rechenzentrum gelegt und mehrere neue Umspannwerke gebaut werden. Das hält die Bürgerinitiative für einen unangemessenen Aufwand und fordert darum, dass das Rechenzentrum an den Stadtrand verlegt werde. Standorte dafür gebe es genug.

Und dieser enorme Stromverbrauch habe auch eine stadtpolitische Dimension. Als Lieferant für die Energie kämen im Grunde nur die Städtischen Werke Magdeburg (SWM) infrage, mutmaßt die Bürgerinitiative. Und da es sich bei den SWM um ein Unternehmen der Stadt Magdeburg handele, laste auf den Stadträten möglicherweise ein "gewisser Entscheidungsdruck", so Stephan Stuch.