Magdeburger Schifffahrtsexperten haben zur Feder gegriffen. In dieser großangelegten Serie schildern sie das Leben und die Entwicklung am bedeutenden Strom. Heute geht es um Schiffswerften.

Magdeburg. Im Bereich des Winterhafens existierte auch noch die Werft von Johann Friedrich Andreae. Die genaue Lage geht aus den Unterlagen nicht hervor. J. Fr. Andreae besaß bereits seit 1808 ein Schifffahrtsunternehmen. So sind viele bekannte Schiffs-Neubauten für sein eigenes Unternehmen produziert worden. Im Zusammenhang mit den Standorten der Werften steht in den Archiven die Bezeichnung "Lange Brücke".

Deren Bau sowie der Neubau der Zollbrücke begannen 1879 und wirkten sich auf die Werften im Winterhafen aus. Zu dieser Zeit 1881/82 wurde auch der Winterhafen erweitert, was auf die dort ansässigen Werften ebenfalls starken Einfluss hatte. Nach dem Konkurs der Werft von Adam Brand 1880 erhielt als Meistzahlender unter mehreren Interessenten der Schiffbauer Friedrich Wüsthoff den Zuschlag für die Weiterführung der Pacht. Wegen des Umbaues bzw. der Erweiterung des Winterhafens hatte er aber einige Bedingungen zu erfüllen. Er konnte wahrscheinlich auch aus diesem Grund den Pachtzins nicht mehr aufbringen und musste 1893 Konkurs anmelden. Im März 1894 erhielt Richard Weile den Zuschlag für den Werftbetrieb. Dieser hatte bereits bei Wüsthoff als Techniker gearbeitet. Reparaturen und Neubauten wurden ausgeführt, u. a. ist ein Elbschiff mit einer Tragfähigkeit von 900 Tonnen namentlich belegt. Auch Richard Weile musste 1899 Konkurs anmelden. Mehrere Schifffahrtsunternehmen bewarben sich für den Bauplatz. Den Pachtzuschlag im Juli 1899 erhielt die "Dampfschleppschiffahrts-Gesellschaft vereinigter Elb- und Saale-Schiffer" ( VE&SS). Nach der Fusion mit anderen Schifffahrtsgesellschaften war es die "Vereinigte Elbschiffahrtsgesellschaft". Der Bau von Schiffen bis 1000 Tonnen Tragfähigkeit ist nachgewiesen. Als Folge des 1. Weltkrieges wurde die Werft 1915 geschlossen und blieb fünf Jahre ohne Besitzer. Im Jahr 1920 pachtete der Schiffbaumeister Karl Grieseler den städtischen Schiffbauplatz. Er betrieb bereits eine Werft in Mukrena (gegenüber der Stadt Alsleben an der Saale ). Diese übernahm nun Ernst Vopel (sein Schwiegersohn). Beide Werften unter Leitung von K. Grieseler arbeiteten zusammen. Bis 1930 lag diese Werft nur am südöstlichen Ufer des Winterhafens. Ab 1930 übernahm K. Grieseler noch das Gelände an der südwestlichen Stirnseite des Hafens, wo vorher ab 1881/1882 die Preußische Staatswerft errichtet worden war, über die noch in einer gesonderten Folge berichtet werden soll.

Die Schiffstypen, die gebaut wurden, waren vielfältig, wobei zu bemerken ist, dass die Baulisten Magdeburg und Mukrena gemeinsam geführt wurden, d.h. man kann nach den Listen nicht immer zuordnen, welches Schiff wo gebaut wurde. Erwähnt sei ein Motorgüterschiff (heute sagt man "Gütermotorschiff" ), die "Marie-Luise", gebaut 1941, welches 1945 als Reparationsleistung an die Sowjetunion ging. Der Bombardierung Magdeburgs am 16. Januar 1945 fiel auch die Werft zum Opfer und war dann eine Ruine. Den völlig zerbombten Werftbetrieb verkaufte K. Grieseler an die "Schlesische Dampfer-Compagnie-Berliner Lloyd AG". Deren Niederlassung in Magdeburg übernahm den Pachtvertrag von Grieseler. Was die SDC-BL, als Teil einer Aktiengesellschaft, dazu bewog, ist nicht nachvollziehbar, denn in der Sowjetisch Besetzten Zone musste man damals mit Enteignung rechnen und so kam es auch. Die Sowjetische-Militär- Administration in Deutschland (SMAD) übertrug die Vermögenswerte im März 1946 an die deutsche Landesverwaltung. In der Zwischenzeit hatte die SDC-BL bereits mit Aufräumarbeiten begonnen. Ab 1948 firmierte die Werft unter der "Vereinigung Volkseigener Betriebe des Verkehrswesens Sachsen Anhalt". Auf dem Gelände wurden neue Gebäude errichtet, z.B. eine Werkhalle mit Schlosserei und Schmiede sowie ein flaches Gebäude, in dem die Tischlerei, Sozialeinrichtungen und Büros untergebracht wurden. Am südwestlichen Ende dieses ganzen Komplexes auf der Südostseite des Hafenbeckens lag ein Grundstück, auf dem bereits seit 1930 Walter Steenfatt eine Bootswerft betrieben hatte. Nach einem Brand 1988 wurde sie nicht wieder aufgebaut, zumal W. Steenfatt bereits im Rentenalter war.

Das Gelände fiel an die Werft, die jetzt unter der Bezeichnung "VEB Schiffsreparaturwerften Berlin, Werft Tangermünde BT Magdeburg im Kombinat Binnenschiffahrt und Wasserstraßen" geführt wurde.

Ab 1957 gehörte die Werft vorübergehend zum VEB Deutsche Binnenreederei. Ab 1964 erfolgte wiederum eine Umstrukturierung dieses Wirtschaftszweiges. Die Werft war anfangs kein Betriebsteil von Tangermünde, bis dann die o. g. Zuordnung galt. In den Jahren bis zur Schließung der Werft 1991 wurden ausschließlich Reparaturen durchgeführt. Ende der 80er Jahre wurden noch die hintere Slipanlage sowie die bestehende hochwasserfreie Kaianlage aus verankerten Stahlspundwänden errichtet. Die vordere Slipanlage war schon vor 1990 stark verschlissen, wurde nur noch gelegentlich genutzt und ist inzwischen restlos entfernt worden.

Eine Bemerkung noch zur Belegschaft. Durch die Übernahme der Werft durch die SDC- BL, die auch Werften in Breslau und Glogau an der Oder hatte, sind mit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges viele Belegschaftsmitglieder dieser beiden Werften zu "ihrer" Werft nach Magdeburg gekommen. Als die Belegschaft z. B. um 1955 in Magdeburg ca. 60 Personen zählte, waren deshalb davon fast 30 Prozent frühere Schlesier. Mit der Wende wurde der "VEB Schiffsreparaturwerften Berlin" mit seinen Betriebsteilen umgewandelt in die "Deutsche Binnenwerften GmbH Berlin". Die Werft Tangermünde blieb zwar im Verband, der Betriebsteil Magdeburg aber wurde 1991 geschlossen. Auf dem gesamten Gelände entstand 1993 die Fa. Walter Hollenbach GmbH & Co. KG, nachdem dieser es von der Treuhand gekauft hatte. Es werden Sportboote repariert, im Winter in einer großen, neu erbauten Halle gelagert, sowie Bootsmotore repariert und gewartet. W. Hollenbach verstarb 2004 und Bernd Stockmann übernahm die Geschäftsführung. Die Slipanlage wurde wieder hergerichtet und es werden gelegentlich Schiffe an Land genommen. (Quellen: Siegbert Zesewitz in "Schiffbau an der Elbe" und Zeitschrift "navalis", 1 und 2/2009; Karin Beatrix Kanter in "Magdeburger Museumsheft", Nr. 22, sowie eigene Aufzeichnungen)

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