Soll die Ulrichskirche wiederaufgebaut werden oder nicht? Darüber entscheiden die Magdeburger am 20. März. Die Volksstimme bittet in einer Serie Personen des öffentlichen Lebens um einen Gastbeitrag zur umstrittenen Frage. Heute Jochen P. Heite, Vorsitzender des Verbandes Bildender Künstler Sachsen-Anhalt e.V.

Der Wiederaufbau der Ulrichskirche macht mir wegen seiner Abhängigkeit vom kommenden Wahlgang der Magdeburger Sorge.

Das Thema an sich trifft mich als Kreativen an zwei verschiedenen Stellen. Einerseits ist es die ungeheure Faszination der Wiederherstellung so einer Kirche im mittelalterlichen Baustil, zusammen mit der Frage nach den Baumaterialien, und andererseits Vorfreude, aber auch Beklemmung bei der Frage nach der Nutzung.

Im Heute so einen Bau neu erstehen zu lassen, könnte nicht nur in der Technologie des Bauens, sondern auch an ganz bestimmter Stelle, in ganz bestimmter Art und Weise nach außen sichtbar werden. Künstler haben Ideen – die besten sollten gerufen sein damit aufzuwarten, wie das Bauwerk historisch und dennoch mit einem Statement des Gegenwärtigen wirken könnte. Vielleicht etwas weg vom üblichen und ehemals verwendeten Sandstein und statt dessen ein Material, das weniger demütigend in Größe und Block, und dafür einladender, wie auch zeitgemäßer daherkommt. Das Bauwerk würde stilistisch vollkommen den Ansprüchen gerecht, stünde aber einem Kunstwerk gleich in gediegener Verfremdung, durch die Verwendung eines anderen Materials.

Ein -Kunstbauwerk- also, als ein weiterer Magnet für Magdeburg, weil sich das noch zu findende Material in diesem Zusammenhang und in der Form der Verwendung – europaweit als eigenartig erweist (!). Das "Blaue Wunder" bei Dresden war zwar nicht als ein Wunder von den Bauleuten gedacht …, aber man darf etwas nachhelfen und als Dokument für die Nachwelt stünde dann nicht nur die wiedererbaute Kirche, sondern unser heutig ehrfürchtiger und dennoch moderner Umgang damit.

Neben diesen nahezu etwas euphorischen Vorstellungen zum Äußeren bewegt mich auch das Problem der Nutzung so einer Kirche, wenn man nicht wie in so vielen anderen Fällen n a c h der Fertigstellung des Baus den unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht werden, und ungeschickt mit dem Innenraum umgehen will. Die Fensterstruktur einer Kirche lässt nur sehr eingeschränkt künstlerisch anspruchsvoll andersgeartete Nutzung zu – bezeichnenderweise trieb schon laut Bibel Christus die Händler aus dem Tempel! Jegliche Vorstellungen von Nutzung dieses Raumes, wenn man davon ausgeht, dass es nicht vorrangig der Gottesdienst der Gemeinde werden wird, sollten v o r Baubeginn bedacht und gründlich konstruiert sein.

Bei unserem heutigen Vermögen der Animation bieten sich vielfältige Möglichkeiten der technischen Veränderung, die so einen Ort wie die Ulrichskirche zu einem Mekka der Begegnung in Geschichte, Kultur und Kunst, auch der Zeitgenössischen Kunst, machen würden.

Dieser Raum hätte für eine Ausstellung mit wenig technischen Veränderungen dazu die erforderliche Größe und Würde, die Kunst braucht, um den Ansprüchen gemäß präsentiert zu werden – und Magdeburg hätte mit diesem Neubau auch eine Kunsthalle, ohne den Beigeschmack eines Mehrzweckbaus damit fürchten zu müssen.

Das wäre für mich im Zusammenhang mit unseren Bemühungen um den Titel – Kulturhauptstadt in Europa – ein phantastischer Plan für eine kulturelle Stadtmitte.

Morgen schreibt: Prof. Ralf Niebergall, Präsident der Architektenkammer Sachsen-Anhalt

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