Zwischen unbändiger Freude und tiefer Enttäuschung pendelte gestern das Stimmungsbarometer – am Tag nach dem Bürgerentscheid, der mit einem klaren Votum gegen den Wiederaufbau der Ulrichskirche geendet hatte. Reaktionen und Stimmungen zum Ausgang des ersten Bürgerentscheides in Magdeburg.

Altstadt. Nach dem niederschmetternden Abstimmungsergebnis herrschte auch gestern tiefe Enttäuschung im Kuratorium Ulrichskirche. Vorsitzender Dr. Tobias Köppe, Initiator der Wiederaufbaubewegung für den bedeutenden Sakralbau, stellte klar: "Wir sind Basisdemokraten, akzeptieren das Votum der Magdeburger."

Ein so eindeutiges Ergebnis aber hatte kaum jemand erwartet, gestand er. Köppe hat deshalb bereits für Montagabend den Vorstand des Kuratoriums einberufen. Um zu beraten, wie man damit umgehe, sagte er am Nachmittag.

Zugleich stellte er klar: Er strebe wie andere Mitglieder an, die Ratsbeschlüsse zu den Ausgrabungen auf dem Ulrichplatz zu verwirklichen. Viele Bürger hätten sich positiv dazu geäußert. So sah es auch der Vorstand des Kuratoriums. Um 21 Uhr stand gestern fest: Der Bürgerverein (250 Mitglieder) wird weiterarbeiten. Zunächst auf wissenschaftlicher Ebene und für die Ausgrabungen. Aus dem Landesamt für Archäologie waren bereits Empfehlungen dazu ausgesprochen worden. Köppe weiter: Mit den Jahren werde man sehen, was die Magdeburger dazu sagen. Die Kuratoriumsmitglieder bedauern den Ausgang des Bürgerentscheids. Die wiederaufgebaute Kirche wäre ein großer Gewinn für die Magdeburger und für den internationalen Tourismus gewesen, sagte auch Elisabeth Döringer.

Bei den Initiatoren des Bürgerentscheids herrschte große Erleichterung und Freude. "Ich laufe hier von einem Telefon zum nächsten, die Apparate glühen schon", berichtet Bettina Fassl, Mitbegründerin der Bürgerinitiative "Demokratie wagen – Bürger fragen". Glückwünsche gab‘s aus dem eigenen Lager und von vielen Magdeburgern. Per Anruf, per Mail oder auch persönlich. "Ich hatte schon ein recht gutes Gefühl kurz vor der Wahl. All die Menschen, mit denen wir zu tun hatten – ich hatte den Eindruck, dass die Mehrheit der Magdeburger tatsächlich gegen die Pläne zum Wiederaufbau sind", so Bettina Fassl. Und das Gefühl der 43-Jährigen täuschte nicht. Häme gegenüber den Verlierern herrscht im Siegerlager nicht. Fassl: "Es ist besser für beide Seiten, dass es eine Entscheidung der Bevölkerung zu dieser wichtigen Frage gibt. Wäre sie anders ausgefallen, dann wäre es auch eine wichtige Stärkung für das Kuratorium gewesen, z. B. für den Fall, dass die 30-Millionen-Euro-Spenden für den Aufbau nicht zusammenkommen und man die Hilfe der Bevölkerung braucht." Auch persönlich hat die stressige Zeit Spuren hinterlassen. "Das muss jeder erst mal für sich aufarbeiten", so Fassl.

<6>Sie zählte zu dem Kern von 15 bis 20 aktiven Mitstreitern in der Bürgerinitiative, der es gelungen war, innerhalb von sechs Wochen 13 000 gültige Unterschriften für den Bürgerentscheid zu sammeln. "Wir hatten das Gefühl, da läuft nach dem Stadtratsbeschluss pro Ulrichskirche etwas in die falsche Richtung und haben gehandelt. Das Wählervotum zeigt, wir hatten recht", so Fassl. Sie hofft, dass es nicht der letzte Bürgerentscheid in Magdeburg war. Die Bürgerinitiative wird ihre Arbeit indes nicht gleich beenden. "Wir werden im Blick behalten, dass das Wählervotum auch respektiert wird", so Bettina Fassl.

<7>Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) wertete die relativ hohe Beteiligung am Bürgerentscheid (58,3 Prozent) als "deutliches Zeichen für das Demokratiebewusstsein der Magdeburger." Zugleich übt er Kritik: "Für mich hat dieses Votum eine mittelfristige Wirkung, weit über die einjährige rechtliche Bindung hinaus. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wenn Befürworter das Ergebnis des Bürgerentscheides akzeptieren, im gleichen Atemzug jedoch eine Fortsetzung ihrer Aktivitäten ankündigen. Dies entspricht nicht meinem Verständnis von Basisdemokratie."

<8>Übrigens: Einen Stadtratsbeschluss zum Bürgerentscheid wird es nicht geben. Trümper teilte nach Prüfung im Rechtsamt mit, dass eine Veröffentlichung im Amtsblatt ausreiche, damit der Entscheid die Wirkung eines Stadtratsbeschlusses habe.

   

Bilder