Bereits zum dritten Mal in diesem Jahr ist ein Kind aus einer Tagesstätte "verschwunden". Drei Fälle in so kurzer Zeit – das ist ungewöhnlich viel, gibt auch das Jugendamt zu. Das lässt Fragen aufkommen: Wie kann so etwas passieren? Welche Sicherheitsvorkehrungen bzw.-lücken gibt es und welche Konsequenzen?

Magdeburg. Die junge Mutter staunte nicht schlecht: Morgens hatte sie ihren Sohn zur Kindertagesstätte gebracht, doch anderthalb Stunden später stand er vor der Wohnungstür. Allein. "Mir blieb fast das Herz stehen", erzählt Antje Hofmann, der das Entsetzen noch immer anzumerken ist. Der Fünfjährige hatte einen Weg durch die Stadt zurückgelegt, für den Mutter und Kind normalerweise mit Bus und Bahn rund eine Dreiviertelstunde benötigen. Zu Fuß ist er von der Kita "Käferwiese" im Olvenstedter Gneisenauring bis nach Stadtfeld gelaufen, hat dabei sogar vierspurige Straßen passiert wie die Olvenstedter Chaussee und den Europaring. "Was da alles hätte passieren können!" Die Stimme der Mutter zittert vor Angst.

Kein Einzelfall

Sie hat sofort die Konsequenzen gezogen, Jugendamt und Kita-Träger informiert, den Jungen aus der Tagesstätte genommen. "Dort bleibt mein Kind keinen Tag mehr!" Doch damit ist das Thema für sie längst nicht erledigt: "Dieser Vorfall muss geklärt werden", fordert sie und argumentiert: "Wenn es einem Kind gelungen ist, aus dem Kindergarten zu verschwinden, kann es jederzeit wieder passieren. Das darf nicht sein."

Der fünfjährige Mark besucht nun die Kita Fliederhof in der St.-Josef-Straße. Beim Wechsel half Beate Vogler, Geschäftsführerin von Independent Living, Träger der beiden Tagesstätten und von fünf weiteren. "Wir können verstehen, dass das Vertrauen zerstört ist", sagt sie, "und bedauern den Vorfall zutiefst".

Ihr gegenüber habe man das noch nicht geäußert, ärgert sich Antje Hofmann. "Ich bin sogar gefragt worden, ob ich mein Kind an diesem Tag überhaupt in die Kita gebracht hatte!", erzählt sie erbost.

Der Vorfall hatte sich am Dienstag ereignet. Bis gestern war nicht geklärt, wie es dazu kommen konnte. Rekonstruiert werden konnte allerdings: Der Junge war in der Kita, hatte am Frühstück teilgenommen und wurde im Theaterraum gesehen. Später seien die Kinder auf die Freifläche des Hofes gegangen. Nach dem Anziehen von Jacke und Schuhen ist der Junge verschwunden.

Den Kita-Frauen ist es ein Rätsel. Man habe alle Sicherheitsvorkehrungen überprüft, versicherte Beate Vogler gestern im Volksstimme-Gespräch. Die Türen lassen sich nur mit Hilfe von Summern öffnen, die so hoch angebracht sind, dass sie nur von Eltern benutzt werden können. Das Tor am Außenzaun hat außer der Türklinke einen metallenen Überwurf.

Fakt ist: Es handelt sich nicht um einen Einzelfall. Es kommt immer mal wieder vor, dass ein Kind "entwischt". Erst vor zwei Wochen waren zwei Jungs aus einer Kita ausgebüxt. Ihnen sei langweilig gewesen und sie wollten woanders spielen, erzählten sie später. Sie hatten einen älteren "Freund" um "Hilfe" gebeten, der zog sie dann über den Zaun. Nach großer Polizei-Suchaktion fand man die Jungs später spielend und zum Glück unversehrt am Neustädter See.

"Leider lässt sich nie 100-prozentig ausschließen, dass so etwas passiert", sagt Heike Pawletko vom Jugendamt. Manche Kinder zeigten sich in dieser Beziehung recht kreativ und "auch eine Erzieherin kann nicht jedes Kind in jeder Sekunde im Auge behalten." Zumal eine jede mindestens 13 Kinder im Blick haben muss (laut gesetzlich vorgeschriebenem Betreuungsschlüssel). Aber die Sicherheitsvorkehrungen müssen stimmen. Deshalb gibt es bauliche Vorgaben und regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen, betont Heike Pawletko. Für Türsicherungen ebenso wie Zäune, Spielplätze usw. Das ist in den Vereinbarungen mit den Kita-Trägern verankert. Ebenso, dass die Kitas dem Jugendamt jeden "ungewöhnlichen Vorfall" melden müssen.

Die Ursachen finden

Drei allein in diesem Frühjahr sind ungewöhnlich viel, wundert sich die Fachfrau, früher selbst in der Kinderbetreuung tätig. Dafür gilt es die Ursachen zu finden. Werden die Kinder größer und können die Sicherheitstüren überwinden? Werden sie kreativer? "Wir werden nicht Ruhe geben, bis jeder einzelne Fall geklärt ist und daraus Konsequenzen gezogen werden."

Im Falle des "ausgebüxten" fünfjährigen Mark wird nicht ausgeschlossen, dass er mit einem Erwachsenen, dem Vater eines anderen Kindes, die Kita verlassen hat. "Deshalb bitten wir alle Eltern, mit darauf zu achten, dass kein Kind ,aus Versehen’ mit ihnen die Einrichtung verlässt", informierte Beate Vogler gestern. In der Kita wurden dazu auch Aushänge angebracht.

Außerdem wurden "alle Erzieherinnen noch einmal belehrt, die Türen im Auge zu behalten", so Vogler. Sowohl Eltern als auch Erzieher sollten verstärkt auf die Kinder achten, angefangen von einer sorgsamen Übergabe an die Einrichtung. "Was passiert ist, ist furchtbar", betont Beate Vogler, "auch wenn dem Jungen zum Glück nichts geschehen ist. Wir werden alles tun, damit so etwas nicht wieder vorkommt."

Bilder