In Magdeburg leben schätzungsweise 1500 Migranten, deren akademischer und beruflicher Abschluss nicht anerkannt wird. Die Behandlung als Ungelernte nimmt den Einwanderern ihr Selbstvertrauen und der Wirtschaft die Chance auf qualifizierte Fachkräfte.

Magdeburg. Das Bild, das Julia Schewtschenko von sich hat, ist nicht das allerbeste. Statt einer hübschen Frau mit klugem Blick sieht sie nur eine, die nicht auf eigenen Beinen steht.

Wird ihr ausgesprochen gutes Deutsch gelobt, kontert sie mit Fehlern, die ihr in der fremden Sprache noch immer unterlaufen. Und wenn jemand über ihren beruflichen Werdegang staunt, ist sie es wiederum, die darüber erstaunt ist.

Positive Rückmeldungen hat die 31-jährige Ukrainerin in den vergangenen vier Jahren in Deutschland kaum erhalten, die vergebliche Suche nach einer passenden Arbeitsstelle hat sie mürbe gemacht. Deswegen hat sich Julia Schewtschenko einen anderen Namen gegeben, um ihre Geschichte zu erzählen.

Privat im Glück, beruflich im Abseits

Geboren und aufgewachsen in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, besucht sie erst die Technikerschule und studiert im Anschluss drei Jahre Ökonomie. Nach dem erfolgreichen Abschluss folgen zwei weitere Jahre an der Universität, bis sie schließlich ein Zeugnis in den Händen hielt, das in Deutschland wohl als Diplom oder Magister bezeichnet werden würde. Zu dieser Zeit lernt Julia Schewtschenko einen Mann kennen, sie heiratet ihn und zieht zu ihm nach Magdeburg.

Das private Glück scheint perfekt, aber der berufliche Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt will trotz vieler Besuche bei der Bundesagentur für Arbeit nicht glücken.

"Meine ukrainischen Abschlüsse spielten in den Gesprächen kaum eine Rolle", erinnert sich die zierliche Frau. Es war, als hätte ich nie etwas gelernt", sagt sie. Ihr wurde geraten, eine Ausbildung als Altenpflegerin zu absolvieren, schließlich beginnt sie eine Ausbildung zur medizinischen Angestellten.

Von den Möglichkeiten, ihre Studienabschlüsse anerkennen zu lassen, erfährt Julia Schewtschenko erst, als sie Nguyen Tien Duc begegnet.

Der 55-Jährige leitet das "Interkulturelle Kompetenzzentrum für die Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten in Sachen-Anhalt" der Caritas.

Sein Büro liegt im ersten Stock eines alten Gebäudes in der Karl-Schmidt-Straße, über seinem aufgeräumten Schreibtisch sind schon viele Akten mit ähnlichen Fällen gegangen.

Wer mit dem gebürtigen Vietnamesen spricht, merkt schnell, dass das Schicksal von Julia Schewtschenko kein Einzelfall ist.

Kein Anspruch auf Anerkennung

Nach der bisherigen Gesetzeslage haben ausländische Staatsangehörige aus nicht EU-Ländern keinen Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren", sagt er.

Die Regelungen seien von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, ebenso wie die Zuständigkeit für die Anerkennung, die mal beim Kultusministerium, mal beim Landesverwaltungsamt und mal bei der Handwerkskammer liege. Viele blicken da einfach nicht mehr durch", sagt Nguyen Tien Duc. Die Folgen: In Behördenstatistiken tauchen die Betroffenen als Ungelernte auf, potenzielle Arbeitgeber schrecken wiederum vor den Zeugnissen zurück, deren Inhalte sie nicht einordnen können.

Eine offizielle Statistik für dieses Dilemma gibt es nicht. Nguyen Tien Duc schätzt, dass von den 67000 Migranten, die als Ausländer oder Spätaussiedler in Sachsen-Anhalt leben, ungefähr 15000 einen Beruf in ihrem Heimatland gelernt haben. Münzt man diese Schätzung auf Magdeburg um, würde das bedeuten, dass etwa 1500 teils hoch qualifizierte Menschen in der Stadt leben, die um die Anerkennung ihres Bildungsabschlusses kämpfen.

Die Situation ist nicht nur für die Migranten unbefriedigend. Auch die Politik hat inzwischen erkannt, dass der deutschen Wirtschaft so die Chance auf qualifizierte Fachkräfte genommen wird.

"Wir werden in den nächsten Jahren aufgrund der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland dringend auch auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen sein", sagte Bildungsministerin Annette Schavan bereits im vergangenen Jahr. "Es kann nicht sein, dass hier viele Fachkräfte leben, die in ihrem Beruf nicht arbeiten können, nur weil sie ihren Abschluss im Ausland gemacht haben."

Inzwischen hat das Ministerium einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der einheitliche und transparente Kriterien für die Bewertung des im Ausland erworbenen Abschlusses vorsieht.

Wiedereinstieg ist noch völlig offen

Die Chinesin Yuxia Wang, deren richtiger Name ebenfalls ein anderer ist, hofft, dass das Gesetz bald in Kraft tritt. Seit fünf Jahren lebt die 36-Jährige in Magdeburg, auch sie kam der Liebe wegen, auch sie hatte mehrere akademische Bildungsabschlüsse im Gepäck. Doch ein Bachelor im Ingenieurswesen, ein Master in Wirtschaft, mehrere Jahre Berufserfahrung als Personalmanagerin in Peking und ein freiwilliger sechsmonatiger Deutschkurs reichten nicht aus, um einen Job zu finden.

Statt auf den ersten Arbeitsmarkt wurde Yuxia Wang vom Jobcenter zu einem weiteren Deutschkurs geschickt, über dessen sprachliches Niveau sie sich längst gehoben hatte. Es folgten eine ABM-Maßnahme in einer Schule und kürzlich ein Bescheid, der sie zur Teilnahme an der sogenannten Bürgerarbeit aufforderte.

"Dort sollte ich die Bedienung von einfachen Computerprogrammen erlernen und mit anderen Teilnehmern über unsere Arbeitsmotivation diskutieren", sagt Yuxia Wang kopfschüttelnd. "Das ist für mich eine Verschwendung von Zeit und Geld."

Einen Lichtblick gibt es immerhin für die Chinesin: Die Kultusministerkonferenz hat vor Kurzem ihre Hochschulzeugnisse bewertet. Das ist eine Vorstufe der Anerkennung, in der die akademische Qualifikation beschrieben und Verwendungsmöglichkeiten benannt werden.

Doch ob und wann Yuxia Wang wieder in ihrem gelernten Beruf arbeiten kann, ist weiterhin offen.