Die seit Jahren in heftiger Kritik stehende Lage bei den Augenärzten ist nicht wesentlich besser geworden. Die Wartezeiten sind extrem lang. Teilweise werden Patienten abgewiesen. Jetzt hat die Vereinigung selbst eine eigene Praxis in der Ebendorfer Chaussee eröffnet. Kennzeichnend: Sogar aus Berlin werden Augenärzte geordert.

Magdeburg. Seit Jahresbeginn ist der 75-jährige Mecklenburger Alfred Heidemann Neu-Magdeburger. Sein dringendes Bedürfnis nach einem Augenarzt-Termin drohte zu scheitern, als er im April von vier Magdeburger Praxen eine Absage erhielt. Freundliche aber stereotype Ansagen am Telefon: "Tut uns leid. Wir können keine neuen Patienten aufnehmen."

Ungewöhnliche Entscheidungen

Der Mann, der vor einiger Zeit an einer Augenkrankheit behandelt worden und auf eine Nachkontrolle aus war, gab zu seinem Glück nicht auf.

Ein Hilferuf bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) brachte unverhofft doch Abhilfe. Vergleichsweise früh, nämlich Ende Mai, bekam er einen Termin - direkt von der Vereinigung.

Der geschäftsführende Vorstand der Dachorganisation der Kassenärzte bestätigte. "Wir betreiben seit kurzer Zeit für solche Fälle eine eigene Praxis", sagte Mathias Tronnier gestern auf Volksstimme-Nachfrage. Sie befindet sich in den Räumlichkeiten das Sana-Augenzentrums in der Ebendorfer Chaussee 47.

Damit versucht die Vereinigung, zumindest einen Teil des Notstandes in diesem Facharztbereich zu lindern. In dem Zusammenhang wurde eine zweite, ungewöhnliche Entscheidung getroffen: Der dort praktizierende Augenarzt nämlich wurde aus der Bundeshauptstadt geordert. Berlin ist besser bestückt mit Fachärzten. Der willkommene Berliner Gastarzt kommt zweimal wöchentlich für entsprechendes Honorar nach Magdeburg, das jeden Mittwochnachmittag und jeden Sonnabend. Wie Tronnier weiter erklärte, sei das Angebot von Patienten begrüßt worden. Die Termine vergebe die Vereinigung, das werde "gut in Anspruch genommen", versicherte er.

Honorar-Schere: Nachrücker weiter rar

Grund für diesen Schritt ist das Ausscheiden eines Augenarztes. Tronnier: "Im März mussten wir deshalb, um die Lücke in Magdeburg zu schließen, die KV-eigene Praxis eröffnen."

Der Augenärztemangel in Magdeburg ist seit über fünf Jahren akut. Die Lage hat sich trotz praktischer Gegenmaßnahmen wie der Eröffnung der KV-eigenen Praxis in der Ebendorfer Chaussee und der Eröffnung des Augenärztlichen Zentrums des Sana-Augenzentrums nicht entscheidend verbessert. Extrem lange Wartezeiten oder Absagen, wie sie Betroffene immer wieder beklagen, sind nach wie vor an der Tagesordnung.

Hinzu kommt der anhaltende Mangel an niederlassungswilligen Augenärzten. Mathias Tronnier begründet: Zum einen werde an den Universitäten nicht genügend Nachwuchs herangebildet, Augenärzte seien gefragt. Und da trotz Nachbesserung im Jahr 2009 die Honorare noch immer etwa 8 Prozent unter dem Niveau in den alten Bundesländern liegen, sei es schwierig in Sachsen-Anhalt bzw. Magdeburg Augenärzte anzusiedeln. Sogenannte "Nachrücker" für in den Altersruhestand ausscheidender Kollegen werden immer rarer.

In Magdeburg sind derzeit 25 Augenärzte tätig, zwei mehr als 2008. Laut offizieller Bedarfsstatistik herrscht demnach eine Überversorgung um 19 Prozent. Neuzulassungen sind nicht gestattet. Auch hier habe es schon einmal eine Korrektur hinsichtlich der demografischen Entwicklung gegeben. Sie greife aber in Magdeburg nicht, erklärte der geschäftsführende Vorstand. Der aus Altersgründen stärker werdende Bedarf könne so nicht ausreichend gedeckt werden. Man werde aber, so Mathias Tronnier, weiterhin die Sache kreativ angehen. Die KV-eigene Praxis in der Ebendorfer Chaussee bleibe, sollte sich nichts grundsätzlich ändern, erst einmal bestehen. Wenn erforderlich, werde das ausgebaut, sagte er.

14 Allgemeinpraxen sind neu zu besetzen

Auch in anderen Bereichen gibt es Ärztemangel, u. a. bei den Orthopäden. Wie aus einer gestern der OB-Beigeordnetenrunde vorgelegten Stellungnahme hervorgeht, ist die Stadt gleichfalls mit Allgemeinmedizinern unterbesetzt. Jetzt habe die Kassenärztliche Vereinigung Neuzulassungen durchbekommen. 14 Arztpraxen könnten besetzt werden. Durch Kontakte zur Uni, durch Förderungen in der Aktion Musterkarriere will die Stadt einen Beitrag dazu leisten. Entscheidend werden (vom Bund bereits angekündigte) grundsätzliche Neuregelungen zum Honorar- und Versorgungssystem bleiben.

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