12-jähriges Mädchen im Park belästigt; Rentnerin auf dem Friedhof beraubt; Junge von Familienangehörigem sexuell missbraucht; Frau von ihrem Ehemann zusammengeschlagen... Nachrichten wie diese sind beinahe täglich in der Zeitung zu lesen und sorgen oft für ein schockierendes Gefühl. Während sich Polizei und Justiz auf die Täter konzentrieren, fühlen sich die Opfer oftmals allein gelassen. Ihnen stehen die ehrenamtlichen Helfer vom Weißen Ring zur Seite.

Magdeburg. Die Außenstelle Magdeburg der Opferschutzorganisation Weißer Ring feiert morgen ihren 20. Geburtstag. Es wird eine Festveranstaltung im Rathaus geben. Der Polizeipräsident wird zu Gast sein, auch der Oberbürgermeister, Vertreter der Ratsfraktionen u.a. Das Landespolizeiorchester spielt zur Feier des Tages. "Für uns ist das eine wichtige Anerkennung, über die wir uns ehrlich freuen", sagt Gudrun Schulz, seit vielen Jahren Chefin der Außenstelle Magdeburg.

Der Weiße Ring im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das ist nicht immer so, denn der Großteil der durchweg ehrenamtlichen Arbeit läuft eher im Verborgenen. Ein Telefonat, ein erster Besuch am Krankenbett des Opfers. Zuhören. Zuspruch vermitteln oder einfach nur die Hand halten. "Es sind so viele Dinge, die auf das Opfer einer Straftat einstürmen", wissen Gudrun Schulz und ihre Stellvertreterin Claudia Jacob (46).

Da sind die Aussagen vor Polizei oder Gericht, wo das Geschehene immer wieder durchlebt werden muss. Da ist der materielle Schaden nach einer Raubstraftat oder einem Einbruch daheim. Und da sind immer wieder Unsicherheiten: Wie muss ich mich jetzt verhalten? Wo finde ich Hilfe? Was, wenn die Täter wiederkommen oder hinter der nächsten Ecke lauern? Fragen über Fragen.

Besonders belastend sind häufig die seelischen Folgen einer Straftat, berichten Claudia Jacob und Gudrun Schulz. "Wir hatten zum Beispiel den Fall einer Verkäuferin. Sie ist im Laden überfallen und die Kasse geplündert worden. Die Frau hat solche Ängste, sie kann ihren Beruf nicht mehr ausüben", berichtet Gudrun Schulz. Hier versuchen die Mitarbeiter des Weißen Rings, neben der seelischen auch praktische Unterstützung zu geben – etwa bei den Verhandlungen mit der Berufsgenossenschaft wegen einer Rente.

Ohne einen Cent

Oder der Fall einer Seniorin, der die Handtasche geraubt wurde. "Die alte Dame hatte gerade ihre monatliche Rente von der Bank abgehoben. Sie stand plötzlich ohne einen Cent da", erzählt Stellvertreterin Claudia Jacob. So unterschiedlich die Fälle sind, so vielfältig sehen auch die Hilfen aus. Neben dem seelischen Beistand, der Unterstützung bei Behördengängen oder beim Gang zum Gericht gibt es auch finanzielle Zuwendungen zur Überbrückung einer Notsituation. So wurden schon Umzugskosten übernommen oder Gebühren für Schulnachhilfe bzw. einen Selbstverteidigungskurs. Die Rentnerin mit der gestohlenen Tasche erhielt eine kleine Soforthilfe. "Wir statten hier keine kompletten Kleiderschränke oder Wohnungen aus. Aber kleine Finanzhilfen sind schon möglich", erklärt die 63-jährige Gudrun Schulz. Das setzt allerdings auch voraus, dass die Opfer wirklich die Hilfe des Weißen Rings suchen. "Wir sind allen dankbar, die Betroffene auf die Hilfsmöglichkeiten unseres gemeinnützigen Vereins aufmerksam machen", betont Claudia Jacob. Besonders den Beamten in den Revieren, die "vorbildlich und einfühlsam mit den Opfern umgehen", so Jacob.

Sie sind ja die Ersten, die mit den Opfern nach der Tat in Kontakt kommen und stehen daher in einer besonderen Verantwortung. Nicht jeder Polizist sei aber in der Lage, dieser gerecht zu werden. "Deshalb wünschen wir uns, dass die Beamten entsprechend geschult bzw. für diese Aufgabe sensibilisiert werden, damit das noch besser funktioniert", so Claudia Jacob.

Klare Gesetze

An die Adresse der Politik haben die Mitarbeiter des Weißen Rings indes einige Forderungen. "Wir benötigen mehr Traumatherapeuten und Psychologen. Unsere Opfer berichten teils von sechs Monaten Wartezeit auf einen Termin", so Gudrun Schulz. Außerdem fordert der Weiße Ring die Anerkennung von psychischen Folgen einer Straftat nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG). "Nach derzeitigem Recht bekommt die Kassiererin, von der ich berichtet habe, nie eine vernünftige Rente. Das wäre mit Anerkennung durch das OEG anders", so Gudrun Schulz. Dritte Forderung sei die schnelle Neuregelung der nachträglichen Sicherungsverwahrung im Interesse der Opfer, so Schulz.

20 Jahre Weißer Ring in Magdeburg. Die Beispiele zeigen, dass für die Anwälte der Opfer auch in Zukunft noch einiges zu tun bleibt.