Die am Sonnabend nach ersten Kontrollen vermeldeten 133 Raupen-Befallsherde am städtischen Eichenbestand sind möglicherweise nur die Spitze des Eisberges. Gestern Nachmittag legten Stadtgartenbetrieb und eine Firma die Strategie für die Bekämpfung fest. Es geht nicht nur um den Baumbestand: Die Wirkung der Raupen-Brennhaare sind für Menschen äußerst unangenehm.

Magdeburg. Das sei gerade so, als wenn man unbekleidet in ein Brennnesselfeld geworfen werden würde – nur zehnmal schmerzhafter. So schildert Mario Thomas die Wirkung der in vielen Landstrichen Deutschlands gefürchteten Raupe des Eichenprozessionsspinners. Thomas muss es wissen: Er und sein Team gehören zu der von der Stadt georderten Schädlingsbekämpfungsfirma Rentokil. Sie soll in den nächsten Tagen und Wochen die gefährlichen Raupen bekämpfen.

Selbst durch die dabei zwingend vorgeschriebene Schutzbekleidung finden die Brennhaare ihren Weg. Es passiere, dass nach zwei Tagen die ersten Krankschreibungen vorlägen, sagte Thomas.

An 133 Eichenbäumen im Stadtgebiet waren bis Ende vergangener Woche Raupennester entdeckt worden (siehe Sonnabend-Ausgabe). Das seien, so gestern Holger Noffz, stellvertretender Leiter des Stadtgartenbetriebes, etwa 6 Prozent des Bestandes.

Allerdings glaubt Mario Thomas, dass damit erst die Spitze des Eisberges bekannt sei. Die Verbreitung sei erfahrungsgemäß größer.

Die ersten Nester werden abgesaugt

Am Montag sind weitere Standorte befallener Eichen bekannt geworden. So haben am Thauberg, am August-Bebel-Damm, in der Sohlener Straße sich Nester ausgebildet.

Längst aber konnten nicht alle Bäume unter die Lupe genommen werden. Allein an den Straßen stehen Noffz’ Auskünften zufolge 800 Bäume dieser Art. Die Kontrolleure seien deshalb auch in dieser Woche weiterhin unterwegs, versicherte er.

Auch habe man am Montag die Bekämpfungsstrategie festgelegt. Die Nester werden mit Hilfe spezieller Geräte abgesaugt und dann verbrannt. An der MDCC-Arena und am Sportgymnasium soll das noch diese Woche geschehen.

Bei anderen Nestern warte man noch, um möglichst große Mengen der Population vernichten zu können.

Im Frühjahr 2012 ist biologische Bekämpfung geplant, erklärte Holger Noffz. Kindergärten, Schulen, Grill- und Sportplätze sowie Freibäder mit Eichenbestand und die Parks waren bisher wichtigste Anlaufpunkte bei der Suche nach den Raupen. Abgesperrte Bereiche wie am Stadion und am Sportgymnasium sollten keinesfalls überwunden werden, warnte er. In der nächsten Zeit soll es in der Stadt weitere solcher Sperren geben.

Bis etwa Anfang Juni jedoch haben die krabbelnden Fress"maschinen" komplett ihre Brennhaare ausgebildet. Dann wird es für Menschen erst recht unangenehm, für manche, u. a. für Allergiker, sogar regelrecht gefährlich.

Die Haare nämlich enthalten das Eiweißgift Thaumetopoein.

Prof. Dr. Jens Schneider, Pneumologe und Allergologe am Uni-Klinikum: "Die Härchen rufen teils heftige Hautreaktionen wie Juckreiz hervor, Quaddeln bilden sich. Beim Einatmen treten Entzündungen der Schleimhäute, der Bronchien auf." Der Professor rät: Kontakte unbedingt vermeiden, bei Waldspaziergängen keine Shorts tragen. Bislang aber habe die Pneumologie des Uni-Klinikums keinen akuten Fall behandeln müssen, berichtete er. Aber: Das könne sich angesichts des Klimawandels und der Tatsache, dass Magdeburg als neuer Befallsherd gilt, bald ändern, befürchtet Prof. Schneider.

Fraßspuren auch an Fürstenwall-Bäumen

Die wärmeliebenden Schmetterlinge haben sich in Deutschland bereits enorm verbreitet. Nach Ablage der Eier und dem Schlüpfen können sich übrigens mehrere tausend Raupen in einem Nest zusammenballen. Ist ein Baum leer gefressen, wandern sie sogar über die Straße zu einer neuen Nahrungsquelle. Dabei verlieren sie Unmengen von Haaren.

Ein weiterer Mechanismus der Raupenplage: Die Brennhaare werden vom Wind millionenfach verteilt. Ihre Wirkung bleibt Jahre erhalten.

Das könnte für Besucher von Stadt- oder Herrenkrugpark (hier gibt es 96 befallene Eichen) problematisch werden. Die Stadt sollte bei Konzentrationen Warnschilder anbringen, lauten Forderungen von Allergikern. Eltern sollten Kinder warnen. Das Berühren von Raupennestern kann böse Folgen haben.

Inzwischen berichten Leser über neuen Raupenbefall. G. Weferling hat Fraßspuren an Eichen am Fürstenwall entdeckt. Der Stadtgartenbetrieb sollte prüfen, schlägt sie vor.

 

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