Melbourne - Vom Auslaufmodell zum Titelkandidaten - Roger Federer hat es in Melbourne wieder einmal allen gezeigt. "Über meinen Rücktritt wird ja eigentlich schon seit 2009 diskutiert, aber ich bin immer noch hier", sagte der Schweizer nach seinem Halbfinaleinzug in Melbourne genüsslich.

Und wie! Bei den Australian Open präsentiert sich der Rekord-Grand-Slam-Champion in diesen Tagen so stark wie seit Jahren nicht mehr. Auf seinem wohl schwersten Weg ins Finale eines Grand-Slam-Turniers hat er in Jo-Wilfried Tsonga und Andy Murray die ersten Hürden mit Bravour und zurückgewonnener Eleganz gemeistert.

Doch der richtige Gradmesser kommt erst im Halbfinale, wo es die 23. Auflage des epischen Duells mit dem spanischen Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal gibt. "Ich freue mich riesig auf dieses Spiel", sagte Federer. Dabei wirkte er so aufgekratzt wie ein kleines Kind am Heiligabend kurz vor der Bescherung - und nicht wie der Tennisprofi, der seinen Sport in den vergangenen Jahren geprägt hat wie kein anderer.

Aber eben diese Vergleiche mit der Crème de la Crème sind es, die Federer immer noch Jahr für Jahr auf der Tour um die Welt reisen lassen. Eigentlich könnte der Vater von Zwillingen, der mit seiner Frau Mirka in diesem Jahr erneut Nachwuchs erwartet, längst an einem der wunderschönen Seen in seiner Schweizer Heimat sitzen und das Leben genießen. Stattdessen schuftete der Gewinner von 17 Grand-Slam-Turnierern im Winter wieder an seiner Fitness, um nach einem verkorksten Jahr 2013 noch einmal anzugreifen.

Wie unbefriedigend die vergangene Saison für ihn verlief, lässt sich auch an seiner Jahresbilanz gegen Nadal ablesen. Vier Spiele, vier Niederlagen - sein ewiger Rivale war für Federer 2013 unerreichbar. Doch nun, wo sich der Eidgenosse endlich wieder körperlich vollkommen fit fühlt, begegnen sich Nadal und Federer auf Augenhöhe. Zumal das mallorquinische Kraftpaket seit Tagen von einer großen Blase an der Schlaghand behindert wird.

Vorteil Federer also? "Er bleibt verdammt schwer zu spielen", sagte der auf Weltranglisten-Platz sechs abgerutschte Schweizer. Er hat in der Saisonpause einiges geändert, spielt unter anderem mit einem neuen Schläger, von dem er sich mehr Druck in seinem Spiel erwartet. Die meisten Impulse erhofft sich Federer aber vom neuen Coach Stefan Edberg, gerade mit Blick auf die Duelle gegen Nadal.

"Ich freue mich, mit Stefan über das Spiel zu sprechen. Als wir uns in Dubai getroffen und unterhalten haben, haben wir ganz besonders auch darüber geredet, wie man gegen Rafa spielt", erzählte Federer. "Er meinte, er hätte einige gute Ideen, von daher bin ich gespannt darauf, was er mir zu sagen hat."

Das geht in Melbourne nicht nur Federer so. Fast die gesamte Metropole am Yarra-River fiebert dem Halbfinale entgegen. Mit dem ersten Sieg gegen Nadal seit Indian Wells 2012 würde Federer endgültig den Beweis antreten, dass er wieder der Alte ist.