Sotschi - Joseph Blatter erklärt nicht einfach seine Kandidatur als FIFA-Präsident. Ein Joseph Blatter will gebeten werden. Mit sportpolitischer Verbalakrobatik in Perfektion hat der Chef des Fußball-Weltverbandes früher als erwartet seinen Willen zu vier weiteren Jahren im Amt bekundet.

"Ich werde nicht meine Kandidatur verkünden, aber wenn mich die FIFA-Mitglieder fragen, würde ich nicht Nein sagen", sagte der 77-Jährige dem Schweizer TV-Sender RTS in Sotschi. Wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele baute sich der gewiefte Funktionäre mit sicherem Medieninstinkt wieder einmal seine eigene große Sport-Bühne.

Letzte Zweifel an Blatters ungebrochenem Willen zur Macht sind nun beseitigt und ein packender Wahlkampf gegen UEFA-Chef Michel Platini vor dem Wahlkongress im Mai 2015 wird immer wahrscheinlicher. Ort und Zeitpunkt des Blatter-Vorstoßes sind dennoch überraschend. Bislang hatte der Schweizer seine Entscheidung über eine erneute Kandidatur für den FIFA-Kongress am 10. und 11. Juni in Sao Paulo angekündigt - kurz vor dem Anstoß zur Fußball-WM in Brasilien.

Nun gab er in einem Interview am Rande der Winterspiele den bislang stärksten Hinweis auf eine dann mögliche fünfte Amtszeit auf dem FIFA-Thron. Die Formulierung lässt letztlich kaum Zweifel, denn der Unterstützung vieler Verbände im 209 Mitglieder zählenden Weltverband kann sich Blatter sicher sein.

Leise Zweifel schwingen aber mit. Bei manchem Auftritt schien Blatter zuletzt nicht in Topform. Bei der wichtigsten Pressekonferenz während des Confed Cups im Sommer 2013 in Brasilien wirkte er müde, erschöpft und fahrig. Beim glamourösen Ballon d\'Or im Januar nannte er bei seiner Begrüßung das falsche Tagesdatum und stockte peinlich lange Sekunden beim Vornamen eines prominenten Gastes.

Dennoch fühlt sich Blatter fit für die Herkulesaufgabe als FIFA-Chef. "Wenn ich gesund bin, und im Moment bin ich bei guter Gesundheit, sehe ich nicht, warum ich jetzt darüber nachdenken sollte, mit der Arbeit aufzuhören", sagte er RTS.

Die Konkurrenz weiß, dass man Blatter nicht unterschätzen darf. Platini will sich frühestens während der WM äußern. Der Franzose strebt auf den FIFA-Thron, wird aber sorgsam seine Chancen abwägen, bevor er sein Europa-Amt riskiert. Einziger offizieller Bewerber für die Abstimmung beim FIFA-Kongress in Zürich ist bislang der frühere Funktionär und langjährige Blatter-Vertraute Jérôme Champagne. Der Franzose hatte jedoch klar gemacht, dass er bei einer Kandidatur Blatters aus Chancenlosigkeit zurückziehen werde. Am Freitag zog es Champagne dann erstmal vor, nichts zu Blatters Erklärung zu sagen. "Kein Kommentar", sagte er auf dpa-Anfrage.

FIFA-Kenner hatten gemutmaßt, dass die Bewerbung des perfekten Fußball-Strippenziehers Champagne ohnehin nur ein Schachzug aus dem Blatter-Lager war. Möglich wäre ein Personal-Deal, mit dem Champagne nach seinem überraschenden Ausscheiden 2010 zur FIFA zurückkehrt und intern zu Blatters Nachfolger aufgebaut werden soll. Dies würde allerdings Generalsekretär Jérome Valcke brüskieren.

Blatter führt die FIFA seit 1998. Zuvor war er deren Generalsekretär. Ursprünglich hatte er vor seiner Wiederwahl 2011 seine letzte Amtszeit angekündigt. Nach den diversen FIFA-Skandalen um Bestechung und Korruption hatte er seine Haltung jedoch geändert.

Kritiker werfen Blatter vor, das Feld nur nicht zu räumen, weil kein ihm genehmer Nachfolger zur Wahl steht und er Platini im Amt verhindern will. Blatter - von seinen Gegnern als Despot bezeichnet - hatte jedoch angemerkt, die FIFA in einem wirtschaftlich und strukturell einwandfreien Zustand an einen Nachfolger übergeben zu wollen.

Finanziell ist der Milliarden-Betrieb bestens positioniert. Strukturelle Baustellen gibt es aber immer noch genug. Die FIFA-Reform bedarf beim Kongress in Sao Paulo eines Feinschliffs. Internationale Anti-Korruptionsexperten forderten weiterhin eine Amtszeitbeschränkung für FIFA-Funktionäre, die freilich noch nicht auf Blatter zutreffen würde. Und die WM 2022 in Katar - die Blatter eigentlich gar nicht wollte - wird mit den diversen Problemen von Menschenrechten bis zur Klimafrage einen starken FIFA-Chef erfordern.