Bratislava - Als die ersten beiden Sixpacks Bier in der Kabine geleert waren und die Deutschland-Fahne wieder zusammengefaltet in der Spielerbox lag, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner ganz nüchtern: "Wenn du so eine Partie gewinnst, musst du das Ziel haben, das ganze Ding zu gewinnen."

Mit einer beeindruckenden Demonstration von Nervenstärke, spielerischer Brillanz und echtem Teamgeist haben die deutschen Tennis-Damen zum ersten Mal seit 19 Jahren das Halbfinale im Fed Cup erreicht. "Ein kleiner Traum ist in Erfüllung gegangen", sagte Rittner in Bratislava.

Mit einem 6:3, 7:6 (7:5)-Erfolg gegen Australian-Open-Finalistin Dominika Cibulkova hatte Angelique Kerber wenige Minuten zuvor für die uneinholbare 3:0-Führung gesorgt. Im sportlich bedeutungslosen Doppel verloren zum Abschluss Julia Görges und Anna-Lena Grönefeld gegen Magdalena Rybarikova und Jana Cepelova 6:4, 3:6, 7:10.

"Die Emotionen fallen jetzt ab. Im Halbfinale zu sein, ist unglaublich", sagte die 26-Jährige aus Kiel nach dem ersten Freudentanz und einer kurzen Ehrenrunde mit der Deutschland-Fahne und betonte: "Wir sind so ein unglaubliches Team und so gute Spielerinnen. Ich hoffe, dass es irgendwann, vielleicht sogar in diesem Jahr, mit dem Fed-Cup-Titel klappt."

Gegner im Halbfinale ist am 19. und 20. April Australien. Eigentlich hätten die Australierinnen mit der früheren US-Open-Siegerin Samantha Stosur Heimrecht. Aber da direkt im Anschluss fast alle Top-Spielerinnen beim WTA-Turnier in Stuttgart antreten wollen, wird schon jetzt heftig über einen möglichen Tausch des Heimrechts debattiert. Gut möglich, dass der Deutsche Tennis Bund anbietet, die Partie in Stuttgart auf Sand auszutragen.

Denkbar ist aber auch, dass der australische Verband auf einem Heimspiel besteht und dann eventuell Freitag und Samstag Down Under gespielt wird. Doch über die damit verbundenen Reisestrapazen wollte nach dieser denkwürdigen Darbietung kaum jemand sprechen. "Wir werden heute abend bestimmt feiern. Wo und wie wissen wir aber noch nicht", sagte Kerber. Weil in der Kabine so schnell kein Sekt aufzutreiben war, wurde erst einmal mit Bier angestoßen. "Ich habe meine Dose sogar ausgetrunken", sagte Kerber fröhlich.

Erst zweimal gewann ein deutsches Team den Fed Cup: 1987 und 1992. Doch dieser 2014er-Jahrgang scheint tatsächlich reif zu sein für den großen Coup. "Wir wissen, dass viele von uns erwarten, dass wir den Fed Cup holen. Wir wollen das auch", sagte Andrea Petkovic. Die 26-Jährige aus Darmstadt hatte am Eröffnungstag nach der Abwehr eines Matchballs gegen Cibulkova überraschend 2:6, 7:6 (9:7), 6:2 gewonnen. Kerber gewann anschließend gegen Daniela Hantuchova 7:6 (11:9), 6:1.

Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen eine Woche zuvor überzeugte die deutsche Auswahl nicht nur sportlich. Fast hatte man das Gefühl, das gesamte Team schicke in diesen Tagen auch ein paar Grüße an die Herren Kohlschreiber, Haas und Arriens. Rittner schafft es in beeindruckender Art und Weise, ihre Individualistinnen zu einem Team zu formen, das diesen Namen verdient.

Ob beim gemeinsamen Frühstück im Hotel-Restaurant "Opus" oder dem Dinner beim Thailänder - die Spielerinnen vermittelten den Eindruck von Harmonie und authentischem Zusammenhalt. "Ich habe immer gesagt, dass die mentale Stärke und der Teamgeist entscheidend sein können", sagte Rittner. Das unschöne Etikett Fahrstuhlmannschaft haben ihre Mädels, wie sie so gerne sagt, erst einmal abgelegt. Und das größte Kompliment kam vom Gegner. "Ich habe Angie noch nie so gut gesehen gegen mich", sagte Cibulkova im Stil einer fairen Verliererin.