Hamburg - Von der so dringend benötigten Ruhe ist vor dem wegweisenden Keller-Duell bei Eintracht Braunschweig beim Hamburger SV keine Spur.

Das unfassbare Wirrwarr um Trainerposten, streitenden Aufsichtsrat und angezählten Vorstand hielt nach der 0:5-Pokalpleite gegen den FC Bayern unvermindert an. Nur eine Nachricht stand als Gewissheit fest: Felix Magath kommt nach Hamburg - um bei einer Podiumsdiskussion mit dem Thema "Schach macht schlau" über den Denksport zu referieren. Ein Engagement des vermeintlichen Heilsbringers beim kriselnden Fußball-Bundesligisten war hingegen plötzlich unwahrscheinlich. Stattdessen wurden neue prominente Namen ins Spiel gebracht.

Mirko Slomka und Thomas Schaaf seien erste Wahl, berichtete die Online-Redaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages shz.de. Der Neue soll gar schon vor dem Kellerduell bei Eintracht Braunschweig am Samstag an Bord sein. Dem HSV war das neu, hieß es von Vereinsseite. "Wir stehen zu unserem Wort. Herr van Marwijk wird die Mannschaft in Braunschweig betreuen", sagte Vorstandschef Carl Jarchow. Ähnliche Worte hatte am Vorabend Sportchef Oliver Kreuzer gewählt. "Wir bereiten uns auf Samstag vor. Was da noch so läuft - keine Ahnung", sagte der frühere Bayern-Profi.

Für Trainer van Marwijk ist es die letzte Chance, seinen Job zu retten. "Das ist das wichtigste Spiel des Jahres", betonte der Niederländer. Der 61-Jährige bekam Unterstützung von einem Landsmann. "Ich habe Mitgefühl für den Trainer", sagte Bayern-Prof Arjen Robben, der unter der Ägide von Bondscoach van Marwijk 2010 Vizeweltmeister geworden war. "Es liegt nicht am Trainer. Ich hoffe das Beste für den HSV. Die sind richtig tief drin." Bayern-Coach Pep Guardiola stärkte van Marwijk ebenfalls den Rücken: "Mein Kollege ist ein Gentleman."

Der Treueschwur des Vorstands für van Marwijk dürfte nur noch bis Samstag Gültigkeit haben, wenn in Braunschweig ausgerechnet im Stadion an der Hamburger Straße die nächste Enttäuschung folgen sollte. Sechs Bundesliga-Pleiten in Serie und eine desaströse Abwehr mit 47 Gegentoren lassen das Schreckensszenario Abstieg immer realistischer werden. Sollte in Braunschweig die siebte Bundesliga-Niederlage nacheinander eingefahren werden, kann und will auch der Vorstand van Marwijk nicht mehr halten.

Kreuzer und Vorstandsboss Jarchow haben in diesen Tagen eine schwere Aufgabe zu stemmen, die sie aber auch selbst zu antworten haben. Möglichst unaufgeregt, seriös und kein Porzellan zerschlagend, versuchen sie Schadensbegrenzung zu betreiben. Beide spielen mit ihrem Bekenntnis für van Marwijk aber auch mit ihrem Job, bleiben aber bislang standhaft. Das Heft des Handelns haben sie aber nur noch bedingt in der Hand.

Das Festhalten am Niederländer schmeckt Aufsichtsratschef Jens Meier nicht. Eigentlich wollte der 47 Jahre Chef der Hamburger Hafenverwaltung gar nichts sagen, wurde aber nach dem Bayern-Debakel vor eine Kamera gezerrt. Er verstehe die ganze Aufregung nicht. Schließlich habe man sich nur "zusammengesetzt, um vom Vorstand den Status" des Teams in Erfahrung zu bringen, gab er an und beteuerte: "Es gab keine Abstimmung pro oder kontra Magath." Bislang hieß es, es fehle unter den elf Kontrolleuren nur noch eine Ja-Stimme für Magath.

Vielleicht ist Meiers Bekenntnis sogar die Wahrheit. Denn Magath und der Aufsichtsrat sollen sich über einen Vertrag nicht einig geworden sein. Zu viele Baustellen und Fallstricke müssen bei der komplizierten Konstellation beachtet werden. Immer neue Widrigkeiten gefährden die Verpflichtung.

Versöhnt sind viele Fans wieder mit ihrer Mannschaft. Unbeeindruckt von der 0:5-Klatsche gegen die Bayern sangen sie: "2. Liga - niemals, niemals". Das Pokal-Aus hat den kometenhaften Niedergang des letzten Bundesliga-Dinos zwar beschleunigt, aber die Stimmung im ausverkauften Stadion war überraschenderweise so gut wie seit Wochen nicht. Vier Tage zuvor nach der 0:3-Pleite gegen Hertha BSC waren Spieler beschimpft, mit Bierbechern und Eiern beworfen und in ihren Autos attackiert worden.