Krasnaja Poljana - Anja Wicker war nach ihrem sensationellen Gold-Coup bei den Paralympics in Sotschi vollkommen überwältigt. "Da brauche ich erst die Medaille in der Hand, bevor ich glaube, was los ist", sagte die Stuttgarterin.

Am Dienstagabend war es dann so weit: Auf der Medal Plaza von Rosa Chutor bekam sie das Goldstück für ihren Biathlon-Sieg im 10-Kilometer-Rennen mit dem Ski-Schlitten überreicht. "Das ist wirklich eine Sensation. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet", bekannte die 22 Jahre alte Debütantin, "ich habe nicht einmal eine Medaille erwartet. Und nun ist es Gold. Das war das perfekte Rennen."

Im Rosa Chutor-Alpinzentrum stellten derweil die deutschen Athleten um die zweifache Paralympics-Siegerin Anna Schaffelhuber nach einer witterungsbedingten Geduldsprobe ihr Können unter Beweis. Nach Teil eins der Super-Kombination ist gleich ein Quartett auf Medaillenkurs. Die Monoski-Fahrerinnen Schaffelhuber ist auf dem Weg zu ihrem nächsten Gold und belegte im vorgezogenen Slalom Platz eins vor ihrer Teamkollegin Anna-Lena Forster. Vor der Entscheidung am Freitag mit dem Super-G-Rennen belegen auch Andrea Rothfuss in der stehenden Klasse und Thomas Nolte mit dem Monoski jeweils zweite Plätze.

Dichter Nebel klebte wie Zuckerwatte in den Bergen und wechselte mit teils starkem Regen. Durch das schlechte Wetter wurde der Zeitplan mächtig durcheinander gewirbelt. Der ursprünglich als Teil eins der Super-Kombination geplante Super-G wurde nach der Absage auf Freitag verlegt. Dafür rückt der Slalom der Frauen auf den eigentlich wettkampffreien Mittwoch vor. Die Paralympics-Premiere von Snowboardcross findet am Freitagvormittag statt am Nachmittag statt.

Im ebenfalls nebelverhangenen Biathlon- und Langlauf-Komplex Laura hatte am Vormittag die große Stunde von Anja Wicker geschlagen. Trotz des Waschküchen-Wetters blieb die WM-Zweite erstmals und als Einzige ohne Fehler bei vier Schießeinlagen und fuhr nach 32:54,4 Minuten ins Ziel. Mit ihrem Erfolg bescherte sie der deutschen Mannschaft die vierte Goldmedaille. Zweite wurde Swetlana Konowalowa aus Russland vor der Ukrainerin Ljudmila Pawlenko. Verblüfft war nicht nur die Sportmanagement-Studentin, sondern auch Bundestrainer Ralf Rombach. "Wir sind total überrascht, das ist der Hammer. So ein Drehbuch kann man gar nicht schreiben, das wäre eine totale Schnulze", meinte der Coach.

Die Überraschungssiegerin studiert an der Universität Tübingen. Dabei sind die äußeren Umstände dort für sie ungünstig, denn sie ist von Geburt an durch eine Fehlbildung des unteren Rumpfes und dabei insbesondere der Wirbelsäule behindert. Wegen extrem verkürzter Beine kann sie sich nicht ohne Rollstuhl oder Ski-Schlitten fortbewegen. Doch die Uni ist nicht barrierefrei. "Die Hörsäle sind meist eine Etage höher und es sind keine Aufzüge vorhanden. Man ist auf Mithilfe angewiesen. Aber Sportstudenten sind da meist recht locker", berichtete sie.

Weniger glanzvoll verlief die Rückkehr von Andrea Eskau in die Loipe. Zwei Tage nach ihrem Asthmaanfall hatte die Biathlon-Siegerin im Sprint Probleme mit dem Gewehr und gab nach vier Fehlern beim dritten Schießen auf. "Ich hätte weiter laufen können, aber es macht keinen Sinn mehr", erklärte sie ihren Ausstieg. Nach insgesamt fünf Schießfehlern sah die 42-jährige querschnittgelähmte Athletin vom USC Magdeburg keine Chance mehr auf eine Medaille.

In der Männer-Konkurrenz über 12,5 Kilometer kam Martin Fleig aus Gundelfingen nach einem Schießfehler auf den neunten Rang. Sieger wurde der Russe Roman Petuschkow, der beim dritten Start sein drittes Gold gewann.