Köln - Matchwinner Travis Turnbull verschwand in einer Spielertraube, Niklas Sundblad kippte beim Jubeln fast von der Trainerbank. Der ERC Ingolstadt hat dem eigenen Eishockey-Märchen ein weiteres dramatisches Kapitel hinzugefügt und kann nun Clubgeschichte schreiben.

"Für einen Eishockey-Spieler ist ein Sieg in Overtime in den Playoffs ein unglaubliches Gefühl. Man kämpft das ganze Jahr und bringt sich in eine solche Situation", sagte Sundblad nach dem 4:3 (0:2, 2:0, 1:1, 1:0) nach Verlängerung bei den Kölner Haien und dem dritten Endspielsieg in Serie.

Der Vorrundenneunte ging damit nach einem 0:2-Rückstand in der maximal sieben Spiele umfassenden Finalserie der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mit 3:2 in Führung und kann am Sonntag in eigener Halle im 50. Vereinsjahr erstmals deutscher Meister werden. "Das ist ein Supergefühl", ergänzte Sundblad. Der ehemalige Assistent seines Kölner Kollegen Uwe Krupp, der ansonsten konzentriert bis grimmig dreinschaut, strahlte angesichts dessen, was sein Team vollbracht hatte, über das ganze Gesicht.

Komprimiert auf 69:30 Minuten erlebten die Ingolstädter die Geschichte ihrer Saison. Dem ERC, der sich gerade noch für die Playoffs qualifizierte, aber dann Meister Berlin sowie die Vorrunden-Spitzenkräfte Krefeld und Berlin ausschaltete, wurde zunächst ein Treffer von Turnbull per Videobeweis die Anerkennung versagt. Dann geriet der Außenseiter durch Marcel Ohmann (9.) und Philipp Gogulla (12.) in Rückstand. Nach dem Ausgleich durch Robert Sabolic (31.) und Thomas Greilinger (37.) führte Köln wieder durch Torsten Ankert (39.), aber Patrick Köppchen (44.) glich aus. Und dann fiel das Siegtor nach 9:30 Minuten der Verlängerung.

"Das ist überwältigend", sagte Turnbull. Für den Großteil der 18 571 Zuschauer in der erneut ausverkauften Kölner Arena wirkte der entscheidende Treffer jedoch wie ein Haken in die Magengrube. "Niemand verliert gerne", sagte Krupp. Gelassenheit wollte der zweimalige Stanley-Cup-Sieger vermitteln, sein kreidebleiches Gesicht sagte etwas anderes aus. Denn sein ehemaliger Assistent hat ihn dreimal mit dem schlechteren Blatt ausgezockt.

Es hatte etwas von kindlichem Trotz, als die Kölner die Last der bevorstehenden sechsten Aufgabe dem Überraschungsteam zuschieben wollten. "Ingolstadt hat nun den Druck. Wenn man das nächste Spiel nicht gewinnt, wird es ganz schwer hier in Spiel sieben", sagte Krupp, und Verteidiger Moritz Müller stimmte ein: "Ich denke, dass der Druck nun auf den Ingolstädtern lastet, weil sie den Sack zu Hause zumachen wollen."

Die Geschichte, insbesondere der letzten drei Spiele, lässt allerdings die Vermutung zu, dass sich der ERC nun nicht aufhalten lässt. Auf jede kritische Situation hatten die Panther die passende Antwort. "Bei uns ist die ganze Saison ein Zurückkommen. Wir haben nichts zu verlieren. Wir müssen einfach so weiterspielen und nicht darüber nachdenken, was alles passieren kann", sagte Thomas Greilinger.