London - Die vielen schönen Erinnerungen an den für sie so besonderen Ort erleichterten Sabine Lisicki die emotionale Rückkehr auf den Centre Court von Wimbledon.

"Dieser Platz holt das Beste aus mir heraus. Er macht etwas Zauberhaftes mit mir", erläuterte die letztjährige Finalistin an einem für die deutschen Tennis-Asse erfolgreichen Dienstag. 353 Tage nach ihrem verlorenen Endspiel brachte die Berlinerin ein klares 6:2, 6:1 gegen die Israelin Julia Glushko in die zweite Runde ihres Lieblingsturniers. Nach nur 57 Minuten war ihr erster Auftritt 2014 im Südwesten Londons beendet.

"Unglaublich", sagte Lisicki direkt im Anschluss. "Ich war ziemlich nervös, als ich rausging. Aber das Publikum hat mir geholfen. Der Platz gibt mir Selbstvertrauen." Rund eineinhalb Stunden nach ihrer siegreichen Eröffnungspartie erschien sie in weißer Trainingsjacke und mit offenem Haar im Interviewraum und räumte ein, dass sie sich trotz aller Vorbereitung auf den speziellen Moment nicht einstimmen konnte. "Das kann man vergessen", stellte die 24-Jährige klar. Lisicki spielt nun gegen die Tschechin Karolina Pliskova, die sie in diesem Jahr auf Sand schon besiegen konnte.

Wie Lisicki machten auch Andrea Petkovic und Angelique Kerber mit ungefährdeten Pflichtsiegen den Einzug in die zweite Runde perfekt. Die 26-jährige Kielerin Kerber trifft beim dritten Grand-Slam-Turnier der Saison nach dem 6:2, 6:4 gegen die Polin Urszula Radwanska auf die Britin Heather Watson und fühlt sich "bereit für die nächste Runde". Mit einem souveränen 6:1, 6:4 gegen Katarzyna Piter aus Polen sammelte Petkovic auf dem von ihr weniger gemochten Rasen Zuversicht für die nächsten Aufgaben. "Ich habe gelernt, mich besser auf Gras zu bewegen, das ist der Schlüssel", erläuterte die Halbfinalistin der French Open. Ihre Gegnerin ist nun die Rumänin Irina-Camelia Begu.

Schadlos hielten sich am zweiten Turniertag die Mitfavoriten Roger Federer, Rafael Nadal und Maria Scharapowa. Aus deutscher Sicht schmückten Philipp Kohlschreiber mit einem 6:4, 6:4, 6:2 gegen den Niederländer Igor Sijsling und Julian Reister nach einer vergebenen 2:0-Satzführung und einem 6:4, 6:4, 6:7 (5:7), 4:6, 7:5-Erfolg gegen Michael Russell aus den USA die Bilanz. Insgesamt stehen damit acht von 15 gestarteten deutschen Teilnehmern in der zweiten Runde.

Der Warsteiner Jan-Lennard Struff schied nach einem 6:7 (6:8), 4:6, 4:6 gegen den letztjährigen Viertelfinalisten Lukasz Kubot aus Polen aus. Annika Beck (gegen die Chinesin Zheng Jie) und Dinah Pfizenmaier (gegen die Ukrainerin Lessia Zurenko) blieben chancenlos.

Lisicki steht an der Church Road vor der Chance, den Weg aus ihrem Tief der vergangenen Monate zu finden. Der Erfolg gegen die überfordert wirkende Israelin war ein winziger erster Schritt, eine ernsthafte Prüfung war das für die Weltranglisten-19. noch nicht. Zu unterlegen war ihre Rivalin, zu wenig Lisicki gefordert.

Am 6. Juli 2013 hatte sie mit dem Erreichen ihres ersten Grand-Slam-Finals für eine Sensation gesorgt, der finale Triumph war ihr gegen Marion Bartoli verwehrt geblieben. Die Französin im Tennis-Ruhestand führte am Dienstag den Münzwurf für die Aufschlagwahl der Erstrundenpartie durch und war Gast in der Royal Box. "Es war ein sehr spezieller Moment", so Lisicki. "Es ist so eine große Ehre, heute auf dem Centre Court spielen zu können."

In einem keineswegs hochklassigen Spiel auf dem nicht voll besetzten Centre Court hatte die junge Deutsche kaum Probleme. Mit einem Netzroller nutzte sie vor den Augen von Bundestrainerin Barbara Rittner und ihrer Eltern den zweiten Matchball. Entschuldigend hob die lächelnde Lisicki die Hände - das Glück war auf ihrer Seite.

Auf Nebenplatz 18 präsentierte sich die 26-jährige Petkovic nur in den ersten Minuten nervös, als sie zu viele unerzwungene Fehler einstreute. Anschließend diktierte die Fed-Cup-Spielerin mit präzisen Grundschlägen das Geschehen und rückte mehrmals erfolgreich ans Netz vor. Die Weltranglisten-104. Piter wehrte sich im zweiten Satz bissig, brachte die Nummer 20 der Setzliste aber nicht ernsthaft in Gefahr. Im vergangenen Jahr schied die Darmstädterin in der zweiten Runde aus, über Runde drei kam sie in London noch nie hinaus.