Belo Horizonte - Am heutigen Samstag beginnt das WM-Achtelfinale. Brasilien fordert im ersten Match (18.00 Uhr) in Belo Horizonte Chile heraus. In Rio de Janeiro gibt beim Aufeinandertreffen von Kolumbien und Uruguay (22.00 Uhr) ein zweites südamerikanisches Duell in der Top-16-Runde.

Die Seleção zittert und macht sich sogar auf den schlimmsten Fall gefasst. Gleich im ersten Südamerika-Kracher der Weltmeisterschaft droht Gastgeber Brasilien der Totalschaden. Superstar Neymar und seine Teamkollegen stehen im Achtelfinale gegen die selbstbewussten Chilenen vor einer knallharten Prüfung. "Wir lieben es, hier zu sein, wir lieben es, immer zu gewinnen, wir mögen es nie, zu verlieren", sagte Kapitän Thiago Silva gut 24 Stunden vor dem Anpfiff im Estádio Mineirão: "Wenn es nicht klappt, geht das Leben weiter."

Auch Trainer Luiz Felipe Scolari vermied es nicht, das für viele Brasilianer Undenkbare offen anzusprechen. "Wenn wir verlieren, dürfen wir nicht in ein Loch fallen", meinte er bei der Pressekonferenz in Belo Horizonte. "Wenn ich hätte wählen können, hätte ich eine andere Mannschaft genommen", hatte Scolari zuvor schon über den Gegner gesagt.

Eine Niederlage gegen den kleinen, aber aufmüpfigen Rivalen wäre eine der dunkelsten Stunden in der Geschichte des Rekordweltmeisters - und ein Stimmungskiller für das Turnier. All das treibt Gegner Chile nur noch mehr an. "Wir sind zur WM gekommen, um Geschichte zu schreiben", sagte Stürmer Alexis Sanchez vom FC Barcelona. "Wir werden rausgehen und ihnen Schaden zufügen", tönte Kapitän und Keeper Claudio Bravo.

Damit bei dem brisanten Duell alles im Rahmen des Erlaubten bleibt, schickt die FIFA einen ihrer erfahrensten Referees. Der Brite Howard Webb ist für sein rigoroses Durchgreifen bekannt. Im WM-Finale 2010 verteilte er 13 Gelbe Karten und eine Gelb-Rote - Negativrekord. Webb leitete auch das 3:0 der Brasilianer gegen Chile im WM-Achtelfinale 2010. Eine Niederlage der Seleção gleich im ersten K.o.-Spiel wäre die größte Enttäuschung seit dem Achtelfinal-Aus der Favoriten bei der WM 1990 gegen Argentinien.

"Die Mannschaft weiß um den Druck, den sie von jetzt an hat. Wir wissen, dass es eine entscheidende Phase ist", sagte Brasiliens Luiz Gustavo. Der Bundesliga-Profi vom VfL Wolfsburg soll die gegnerische Offensive um den gefährlichen Sánchez bereits im Mittelfeld abfangen. Den Torjäger fürchten die Brasilianer am meisten, sein Clubkollege bei Barca, Dani Alves, bittet auf der rechten Abwehrseite um Unterstützung: "Da brauchen wir Hilfe, weil er einen ähnlichen Stil hat wie Neymar."

Bei den Brasilianern soll es Neymar wieder mal richten. Der neue Superstar führt mit vier Treffern gemeinsam mit Thomas Müller und Lionel Messi die Torschützenliste an. "Neymar hat noch gar nicht angefangen zu zeigen, was er kann. Mit seinem Potenzial kann er der Seleção noch viel mehr helfen", sagte sein Mitspieler Willian und forderte absolute Fokussierung auf die unangenehme Aufgabe gegen Chile: "Wir müssen uns nur auf Fußball konzentrieren, keine Provokationen akzeptieren."

Bei der WM 1998 hatte sich Brasilien im Achtelfinale mit 4:1 gegen Chile durchgesetzt, beim 3:0 vor vier Jahren war die Sache ebenfalls relativ eindeutig. Im vergangenen Jahr aber gab es in einem Testspiel im Estádio Mineirão ein 2:2 zwischen beiden Teams. Dafür ernteten Scolari und seine Spieler gellende Pfiffe, die brasilianischen Fans feierten damals Sánchez & Co. mit "Olé"-Rufen.

Bereits bei der WM-Auslosung im Dezember schien Scolari Böses geahnt zu haben. "Hoffentlich kommt Chile nicht weiter. Ich ziehe jedes andere Team vor", stöhnte er mit Blick auf den Spielplan. Der Stil des Teams von Trainer Jorge Sampaoli liege Brasilien überhaupt nicht: "Es wäre besser, gegen eine europäische Mannschaft zu spielen." Dabei hat der WM-Ausrichter bisher 47 von 67 Länderspielen gegen die Chilenen gewonnen - und nur sieben verloren.

Brasilien beschwört vor der Stunde der Wahrheit den Geist vom Confederations Cup vom vorigen Jahr, als die Seleção bis ins Finale stürmte und dort Weltmeister Spanien 3:0 bezwang. "Jetzt ist die entscheidende Phase, wir dürfen so wenig Fehler wie möglich machen", sagte Mittelstürmer Fred und versicherte bei einer Pressekonferenz im Trainingscamp in Teresópolis: "Die Geschichte wird gut ausgehen wie beim Confed-Cup. Ich bin sicher, dass das passieren wird."

Die Chilenen aber wissen, was es bedeuten würde, die Brasilianer bei deren Heim-WM rauszukegeln. "Wenn wir diese Partie gewinnen, wäre das etwas Außergewöhnliches", meinte Mauricio Isla. Auch er gehört zu den weiter gereiften Akteuren der "Roja", die schon vor vier Jahren in Johannesburg gegen Brasilien zum Einsatz kamen. "Die WM 2010 hat nicht so viel Spaß gemacht wie die hier", meinte Sanchez vielsagend.

Ihr damaliger und heutiger Mistreiter Arturo Vidal soll auch mithelfen, den Brasilien-Bann zu brechen. "Wir wollen, dass er dabei ist. Er ist ein Symbol für unser Land", sagte Sampaoli: "Wir wissen aber nicht, ob er 90 Minuten spielen kann." Vidal hatte sich Anfang Mai einer Knieoperation unterziehen müssen. Womöglich gar nicht kann Defensivspieler Gary Medel antreten. "Wenn das Spiel heute wäre, könnte er nicht spielen", sagte Sampaoli 21 Stunden vor dem Anpfiff.

Wer auch immer das erste südamerikanische WM-Gipfeltreffen gewinnt, bekommt es im Viertelfinale erneut mit einem Konkurrenten vom eigenen Kontinent zu tun und trifft auf den Sieger der Partie Uruguay gegen Kolumbien. Im Halbfinale wartet dann möglicherweise Deutschland.