London - Boris Beckers Worte wirkten erstaunlich nüchtern. Einen kleinen Einblick ermöglichte der 46-Jährige aber in seine Gefühlswelt. "Es ist sicherlich eine große Genugtuung, hier als Spieler und Trainer gewonnen zu haben", bekannte Becker.

Kein Lächeln war zu erkennen, als er mit dem Centre Court in seinem Rücken auf einer Terrasse oberhalb der Anlage an der Church Road stand. Dabei hatte sein Schützling Novak Djokovic gerade in seinem "Wohnzimmer" den Wimbledonsieg gefeiert, der 27-Jährige stieg wieder zur Nummer eins der Tennis-Welt auf.

Seine erste Rückkehr als Trainer nach Wimbledon hat sich gelohnt, auch wenn sie ihm schwer fiel. "Es ist leichter zu spielen, weil man mehr Einfluss hat", bilanzierte Becker. Als Trainer müsse er während des Matches sein "Pokerface" bewahren, auch wenn sein Herz brenne. Und er müsse anders denken als ein Spieler.

Mit viel Getöse war der dreimalige Wimbledonsieger Ende des vergangenen Jahres vom serbischen Perfektionisten als zweiter Coach neben dem Langzeit-Trainer Marian Vajda verpflichtet worden. Kritisch wurde die Partnerschaft mit der deutschen Tennis-Legende beäugt, die auch oft außerhalb des Sports für Schlagzeilen sorgte. "Ich werde seit vielen Jahren in Deutschland kritisch gesehen. Wer meine Fachkompetenz in Sachen Tennis kritisiert, muss auch meine blauen Augen kritisieren, der mag mich nicht. Punkt", wehrte sich Becker.

Djokovic war auf der Suche nach dem letzten Quäntchen. Bei den Australian Open 2014 flog der 27-Jährige schon im Viertelfinale raus, in Paris musste er sich dem spanischen Sandplatz-Dominator Rafael Nadal im Finale geschlagen geben. "Dies wird der große Test, um zu sehen, ob es die richtige Entscheidung war, Becker in seinen Betreuerstab aufzunehmen", hatte der frühere Wimbledon-Champion Pat Cash am Tag des Endspiels auf dem grünen Rasen in der "Sunday Times" geschrieben. Und am Ort Beckers größter Erfolge klappte es nun mit Djokovics ersehntem siebtem Grand-Slam-Titel.

"Abgerechnet wird am Schluss", antwortete Becker auf die Frage, in welchen Bereichen er seine Erfahrungen am besten einbringen konnte. "Wir sind am Ziel. Das war meine Aufgabe." Becker sieht seinen Job als Chance, wieder Fuß zu fassen in dem Metier, das ihm als Aktiver Anerkennung brachte. Von der Wimbledon-Auflage 2014 wird der sportliche Auftritt des ungleichen Duos in Erinnerung bleiben.

6:7 (7:9), 6:4, 7:6 (7:4), 5:7, 6:4 - so lauten die Zahlen des Endspiels gegen den Rekord-Grand-Slam-Turniersieger Roger Federer, die nichts über die Dramatik verraten. Im vierten Satz führte Djokovic klar, hatte einen Matchball. Der Schweizer kämpfte sich zurück. Djokovic, wohlwissend, dass er seine letzen drei Major-Finals verloren hat, drohte das Momentum aus den Händen zu rutschen.

"Novak musste irgendwie einen aus dem Sack holen, dass er das noch gewinnt. Das ist vielleicht der neue Novak", erläuterte Becker "nach der Achterbahn der Gefühle". Innig umarmte der Profi nach dem Sieg seinen Trainer und sein gesamtes Team. Einen ausdrücklichen Dank an Becker richtete er bei der Siegerehrung nicht. "Ich sehe mich als Teil des Teams und nicht als One-Man-Show", betonte Becker.

Mit dem dreimaligen Wimbledon-Champion an seiner Seite fühle er sich anders, hatte Djokovic zu Beginn des Turniers gesagt. Sein zweiter Wimbledon-Triumph nach 2011 war ihm besonders mental wichtig: "Ich hatte angefangen, an meinem Kurs ein wenig zu zweifeln. Ich habe diesen Sieg sehr gebraucht." "Als großen Schritt nach vorn" wertete Becker den Endspielkrimi und erhofft sich einen Schub - etwa für die US Open Ende August.

Dem Land Serbien, das gegen seinen wirtschaftlichen Bankrott kämpft, soll Djokovic Mut machen. "Danke! Nole hat mit seinem großen Sieg unserem Volk erneut Freude gebracht", schrieb die Zeitung "Novosti" am Montag in Belgrad. Am Sonntagabend war Becker gemeinsam mit dem Djokovic-Clan im feinen Zwirn beim Champions Dinner zu Gast. Djokovic hat in den kommenden Tagen ohnehin noch mehr Grund zu feiern. Er heiratet seine Freundin Jelena - in wenigen Monaten wird er Vater. Tipps vom zweifachen Zwillingspapa Federer hat er sich schon geholt.