Ulm - Im Ziel war Julian Reus einfach nur "baff". 10,06 leuchtete erst auf der Anzeigetafel im Ulmer Donaustadion auf, dann die offizielle Zeit: 10,05 - deutscher Rekord.

29 Jahre nach den 10,06 Sekunden des Magdeburgers Frank Emmelmann in Ost-Berlin fiel bei den Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm die Bestzeit über 100 Meter - und das in einem Halbfinale. "Das war ein perfekter Lauf. Ich freue mich riesig", meinte Reus. Dabei verpasste es der Wattenscheider sogar, als erster deutscher Sprinter überhaupt bei regulären Bedingungen unter der magischen 10-Sekunden-Marke zu bleiben.

Als Reus nämlich über die Ziellinie flog, da regte sich Thomas Kurschilgen als Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) erstmal auf: "Mensch, da muss man doch durchlaufen!", rief er auf der Tribüne, weil es der 26-Jährige angesichts seines sicheren Vorsprungs am Ende etwas austrudeln ließ. Ob Reus da eine noch bessere Zeit verschenkt hat? "Da mach ich mir keine Gedanken."

Im Endlauf rannten Reus und sein Berliner Rivale Lucas Jakubczyk dann sogar 10,01 Sekunden, und die gut 10 000 Zuschauer im Donaustadion schrien auf, ehe der Blick auf den Windmesser die Zeit relativierte: Während im Halbfinale noch erlaubte 1,8 Meter/Sekunden Rückenwind herrschte, waren die 2,2 Meter/Sekunden im Finale zu viel für die Rekordlisten. Dennoch meinte Jakubczyk nach dem Fotofinish zugunsten von Reus: "Zweimal 10,01 Sekunden. Das wird es vielleicht nie wieder geben." Im Mai 2013 war der Leipziger Martin Keller in Clermont/USA die 100 Meter in 9,99 Sekunden gelaufen und als bisher einziger Deutscher unter 10 Sekunden geblieben - bei satten +3,7 Meter Wind pro Sekunde.

In den eineinhalb Stunden zwischen seinem Rekordlauf und der Medaillenvergabe schwirrte Reus nur so der Kopf. "Das war schwierig. In so einem Finale kann man eigentlich dann nur noch verlieren. Aber wenn ich in die Ergebnisliste schaue: 10,01 - es ist schon unglaublich, dass ich da oben stehe. Wie knapp es war, will ich gar nicht wissen."

Mit seiner Rekordzeit liegt Reus nun an Nummer 5 der diesjährigen europäischen Bestenliste - und das gut zwei Wochen vor der EM. "In Zürich zählt die Zeit von heute nichts. Da muss man auf der Bahn stehen und zünden. Das Finale ist natürlich das Ziel", sagte der Playstation-Fan.

Einmal bei einer WM oder bei Olympischen Spielen in einem Endlauf zu stehen, das strebt Reus schon lange an. Nach seinen 10,05 ist er weltweit dennoch nur die Nummer 26. Im internationalen Vergleich haben die deutschen Sprinter schon lange nichts mehr zu melden, aber der DLV hat nicht aufgegeben. Der Verband startete ein Staffelprojekt, das die deutschen Sprinter nach vorn brachte, und zahlreiche andere Maßnahmen, um die Misere zu lindern. So gibt es seit 2011 ein jährliches Trainingslager in Florida, außerdem holt man sich Rat bei Experten im Ausland und aus der Biomechanik.

"Julian und Lucas sind zwei Athleten, die für Veränderungen stehen", sagte Chef-Bundestrainer Idriss Gonschinska. Reus nannte als erstes Erfolgsgeheimnis die Zusammenarbeit mit seinem Heimtrainer Gerhard Jäger ("Wir haben uns immer weiterentwickelt"), die intensive physiotherapeutische Begleitung und die interne Konkurrenz. In Trainingslagern schauen Reus, Jakubczyk, Keller und Co. auf Youtube Filme von Weltklasse-Sprintern rauf und runter. "Abends diskutieren wir manchmal stundenlang, was uns besser machen könnte", erzählte Reus.