Amsterdam - Ralf Holtmeyer kannte keine Gnade. Schon am frühen Morgen nach dem Vorlaufsieg des Deutschland-Achters bei der Ruder-WM bat er seine Crew im Schmuddelwetter von Amsterdam zum nächsten Training.

Erst nach der eineinhalbstündigen Einheit mit 16 Kilometern auf der noch im Dunst liegenden Bosbaan gewährte der Coach seinen Schützlingen einen halben freien Tag für einen Bummel durch die Stadt. Auch verbal pflegte Holtmeyer seinen Ruf als akribischer Arbeiter: "Im Vorlauf ist noch keiner Weltmeister geworden." Schlagmann Felix Wimberger äußerte Verständnis für die harte Linie des Erfolgstrainers: "Wir dürfen uns nicht blenden lassen."

Ein ähnlich bitteres Erlebnis wie vor einem Jahr in Südkorea, als die Briten die lange Siegesserie des Olympiasiegers stoppten, wollen sich die Deutschen in Amsterdam ersparen. Gleich zum WM-Auftakt am Montag zeigten sie der Konkurrenz aus Großbritannien die Grenzen auf und lagen bereits zur Streckenhälfte mit mehr als einer Bootslänge fast uneinholbar vorn. Der große Abstand zum Titelverteidiger sorgte bei Wimberger für Verwunderung: "Eigentlich dachten wir, dass es ein enges Boot-an-Boot-Rennen bis zum Schluss wird. Keine Ahnung, ob wir so gut oder die Briten so schwach waren."

Die um rund zwei Sekunden schlechteren Zeiten des anderen Achter-Vorlaufes, den die Polen überraschend vor den als Mitfavoriten gehandelten Teams aus den USA und Russland gewannen, sprechen eher für die eigene Stärke. Obwohl mit Wimberger (Passau), Maximilian Planer (Bernburg) und Malte Jakschik (Castrop-Rauxel) drei Neue dabei sind, harmoniert das Team prächtig. Auch Holtmeyer sieht im Vergleich zum Vorjahr Fortschritte: "Zur hohen Sprintfähigkeit beim Start ist mehr Stabilität in der Streckenmitte hinzugekommen."

Der famose Auftritt ersparte nicht nur einen weiteren Kraftakt im Hoffnungslauf, sondern machte auch Mut für das Finale. Als weiterer Vorteil könnte sich erweisen, dass der Vorlaufschnellste am Sonntag (14.33 Uhr) auf der günstigsten Bahn starten darf. Bei einer windanfälligen Regattastrecke wie der Bosbaan im Südwesten von Amsterdam könnte das am Ende den Ausschlag geben. Nicht zuletzt deshalb wuchs auch bei Holtmeyer die Zuversicht: "Wir sind in einer guten Ausgangsposition."

Ähnlich optimistisch gehen seine Ruderer in den Showdown. Die in diesem Jahr noch ungeschlagenen Europameister machen aus ihrer Erwartungshaltung keinen Hehl. "Wir wollen Gold. Das war von Anfang an so", bekannte der Hamburger Eric Johannesen freimütig. Mit Silber wie im Vorjahr will sich auch Steuermann Martin Sauer (Berlin) diesmal nicht begnügen: "Wir sind guter Dinge, dass wir die Sache im Finale runterreißen."