Kattowitz - Die Traumreise der deutschen Volleyballer bei der WM in Polen beflügelt auch Libero Ferdinand Tille. "Wir glauben an eine Medaille", versicherte der 25-Jährige der Nachrichtenagentur dpa.

"Wir können uns hier belohnen", meinte der Defensivspezialist. Eine Medaille in Kattowitz wäre die Krönung eines Projekts, das Bundestrainer Vital Heynen Anfang des Jahres ausgerufen hat. 44 Jahre nach dem ersten und letzten deutschen Edelmetall bei einer WM - die DDR triumphierte 1970 in Bulgarien - scheint die Zeit reif.

Tille hat bewegte Monate hinter sich. Daran lassen sich auch die Probleme im deutschen Volleyball ableiten. Ende Juli musste sein Verein Generali Haching nach einer gescheiterten Sponsorensuche die Lizenz zurückgeben. Nach dem Aus der RWE Volleys Bottrop und von Moers der nächste Tiefschlag für die Liga. Tille stand wie seine Kollegen erstmal ohne Verein da.

"Es war nicht einfach, vor allem für mich, weil ich von dort komme, dort meine Wurzeln habe und gerne irgendwann einmal zurückgegangen wäre", erzählte der Mühldorfer. "Wir Spieler wussten schon länger, dass die Sponsorensuche schwer wird, deshalb waren wir darauf auch ein bisschen vorbereitet. Für die Fans und die ehrenamtlichen Helfer war das alles aber super schade."

Ausnahmekönner Tille, zum besten Libero der WM 2010 gewählt, fand relativ schnell einen neuen Club. Allerdings nicht in der Heimat, wo sich im Grunde nur die beiden verbliebenen Spitzenclubs BR Volleys und VfB Friedrichshafen der Unterstützung finanzkräftiger Sponsoren sicher sein können. Wenn eben dort kein Platz mehr ist, kommt für einen Nationalspieler wie Tille nur das Ausland infrage, wo auch deutlich höhere Gehälter gezahlt werden. "Auf meiner Position werden auch gerne mal günstige Spieler aus dem Ausland geholt", kritisierte der Bayer die Transferpolitik einiger Vereine.

Von der kommenden Saison an spielt er im Boomland Polen für Skra Belchatow. "Ich weiß, wie die Halle aussieht und wer die Mitspieler sind, recht viel mehr kenne ich aber noch nicht", meinte Tille über seine neue Volleyball-Heimat, die dank staatlicher Förderung und starker TV-Präsenz den Sport so populär gemacht hat, wie ihn sich deutsche Funktionäre in ihrer Heimat wünschen würden. "Das ist eine ganz andere Welt. In Polen sind sie verrückt nach Volleyball", betonte er beim Mittagessen fast ein wenig verblüfft. "Vorhin hat mich jemand nach einem Foto gefragt, obwohl ich in Zivil bin."

Menschenaufläufe musste Tille in Deutschland nicht fürchten. Der International-Management-Student ahnt die Gründe. "Volleyball fehlt die Fernseh-Präsenz. Außerdem ist der Sport für den Laien schwer verständlich", erzählte er einmal mit Blick auf die Regelkunde und den Modus bei Turnieren. "Meine Freundin Judith ist auch volleyballbegeistert, aber sie fragt trotzdem ständig, warum war das jetzt so und so. Vielen gefällt die Stimmung, sie finden die Spiele cool, aber sie verstehen nicht, was da passiert."

Bei der WM weiß Tille genau, was vor sich geht: Die deutschen Volleyballer peilen eine Medaille an. Nur noch wenige Schritte sind sie davon entfernt. Das ist auch das Verdienst von ihm und Frankreich-Legionär Markus Steuerwald, der mit ihm auf der Position des Liberos Arbeitsteilung betreibt. "Wir reden viel, tauschen uns aus und helfen uns gegenseitig", sagte Tilles Konkurrent. "Hassparolen, Stolperfallen oder ähnliches gibt es bei uns nicht."

Bundestrainer Vital Heynen sieht so viel Harmonie mit gemischten Gefühlen. "Es müsste eigentlich mehr Streit unter ihnen geben", meinte der Belgier augenzwinkernd, "das Verhältnis ist manchmal zu gut." Vielleicht ist das Verhältnis gut genug für eine Medaille.