Nanning (dpa) | Auch beim Frühstück am Sonntagmorgen war sein Ärger nicht verraucht. "Natürlich ist der Frust noch groß", gestand Fabian Hambüchen nach einer unruhigen Nacht im Mannschaftshotel "Red Forest" von Nanning.

"Ich bin sehr zeitig wach geworden und habe mir über einiges den Kopf zerbrochen", gab er zu. Zum einen war er sauer über seinen Fehler am Reck, zum anderen konnte er aber auch nicht verstehen, warum ihn die Kampfrichter so hart bestraft hatten.

"Diese Note war eine kleine Frechheit", hatte er schon unmittelbar nach der Qualifikation seinen Emotionen freien Lauf gelassen. Nach seinem Patzer beim Adler mit ganzer Drehung, den er nicht in den Handstand brachte, hatten die Kampfrichter in einer ansonsten perfekten Übung mehr als 2,6 Zähler in der Haltungsnote abgezogen. 14,366 Punkte bedeuteten nur Platz 22 an seinem Paradegerät. Bei seiner achten WM hatte er somit in Südchina erst zum dritten Mal nach 2003 und 2006 das Finale am Königsgerät verpasst. Damit erreichte erstmals seit elf Jahren kein deutscher Turner ein WM-Gerätefinale.

"Ich will nicht nach Ausreden suchen: Den Fehler habe ich gemacht. Aber ein wenig hatte ich schon gehofft, dass es trotzdem reicht. Die Bewertung war vielleicht eine Retourkutsche der Chinesen für London, wo sie bei Olympia möglicherweise etwas benachteiligt waren. Oberkampfrichter war hier schließlich ein Chinese", beklagte er.

"Diese Reckwertungen schienen mir etwas unverständlich", bestätigte schließlich auch Cheftrainer Andreas Hirsch, der auch mit den Noten für die deutschen Übungen am Barren haderte. Hingegen relativierte Sportdirektor Wolfgang Willam: "Am Reck waren die Wertungen insgesamt recht niedrig. Insgesamt ging das schon in Ordnung."

Olympiasieger Epke Zonderland bedauerte des Fehlen seines Freundes Hambüchen im Finale. "Sehr schade, so jemanden muss man einfach im Finale haben. Hambüchen motiviert mich immer, alles zu geben", reagierte der "fliegende Holländer" betroffen.

Kraft zog Hambüchen unterdessen aus der Glanzleistung des Teams mit drei WM-Neulingen, das in der Stunde der Bewährung über sich hinauswuchs und auf Platz sechs (348,643 Punkte) überraschend ins Finale einzog. "Großes Kompliment für die Truppe. Sie hat sich hier von Anbeginn stabil präsentiert", lobte Hirsch seine Riege, die dafür sorgte, dass die Final-Serie seit 2006 weiter anhält.

Seine besten Wünsche übermittelte Marcel Nguyen, für den in der Vorbereitung nach einem Kreuzbandriss das WM-Aus gekommen war. "Ich drücke dem Team beide Daumen", sagte der Olympia-Zweite, der am Montag vorzeitig ein BWL-Studium in München beginnt. Die Deutschen nahmen mit ihrem unerwarteten Ergebnis auch locker den ersten Schritt in Richtung Olympia-Qualifikation, die bei der WM 2015 in Glasgow ausgetragen wird. Die besten 24 Teams von Nanning sind dort dabei.

"Das Abenteuer geht weiter", frohlockte WM-Debütant Helge Liebrich mit Blick auf das Team-Finale am Dienstag. "Da werde ich alles reinpacken, was möglich ist", versprach Hambüchen. "Da gibt es einen anderen Modus, alle drei Turner kommen in die Wertung. Da ist noch einiges möglich", fügte er hinzu.

Auch im Mehrkampf-Finale am Donnerstag kann Hambüchen seinen Schmerz über das verpasste Reck-Finale vergessen machen. Vor seinem Reck-Patzer hatte er im Sechskampf noch auf Platz drei gelegen, war dann aber im Endklassement mit 87,731 Punkten auf den zwölften Platz der bereinigten Liste zurückgefallen, weil er auch am Pauschenpferd absteigen musste. "Da gibt es Reserven. Ich werde mit meinem Bundesliga-Kollegen Andrej Lichowitzki und meinem Kumpel Sam Mikulak in derselben Gruppe starten, wir wollen von hinten richtig Druck machen", gab er als Parole aus. Auch Andreas Toba steht im Finale.

Als schier unschlagbar gilt der viermalige Allround-Weltmeister Kohei Uchimura, der mit 92,165 Punkten unangefochten die Qualifikation gewann. Bestes Team war Titelverteidiger China, der mit 362,698 Punkten die starken Japaner (361,609 Punkte) auf Rang zwei verwies.