Stendal l Er komme selbst aus der Provinz erläuterte Dietmar Maria Hegemann, den man in Berlin nur unter „Dimitri“ kennt. Der 61-Jährige, der 1991 den Berliner Techno-Club „Tresor“ aus der Taufe hob, der dann auch Keimzelle der „Love Parade“ wurde, stammt aus dem kleinen Dorf Büderich bei Werl in Nordrhein-Westfalen. Der umtriebige Kulturmanager, der sich auch „Raumforscher“ nennt, war am Wochenende bei einer Fachtagung der Stendaler Hochschule dabei, bei der es um Jugendkultur insbesondere auf dem Lande geht.

„(Über-)Leben in der Provinz“ war die Veranstaltung überschrieben, die von Professor Günter Mey vom Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften organisiert wurde. „Jugendkulturen werden immer als ein städtisches Phänomen wahrgenommen“, sagte Mey. Die Tagung sollte belegen, dass dieses oft auch auf dem Land genauso anzutreffen ist.

Keine Plattform für Jugendliche

„Etwa ein Fünftel der Jugendlichen einer Generation sind jugendkulturellen Gruppen zuzuordnen“, sagte Mey. Es bilden sich Gemeinschaften, die oft über Musik ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln.

Bilder

Auch Dimitri Hegemann kam über die Musik 1978 nach Berlin und entfloh der Enge in der westfälischen Provinz. Er habe mit Freunden in seiner Heimat versucht, eine Industrieruine in einen Kulturraum zu verwandeln und sei dabei „von den Entscheidern“ ausgebremst worden. „Jugendliche wollen mehr als einen weißen Raum mit einer Tischtennisplatte drin“, sagte Hegemann. Man müsse ihnen kreativen Spielraum und auch Verantwortung geben. „Die Jugend in der Provinz findet oft keine Plattform.“ Das Potenzial in ihren Reihen werde nicht erkannt.

2012 gründete der Kulturmanager, der Anfang der 1980er Jahre Bassist der New-Wave-Band „Leningrad Sandwich“ war, die Beratungsagentur „Happy locals“, die in kleinen Städten einfache Kulturangebote für junge Leute anbieten will, um so der Bevölkerungsabwanderung entgegenzuwirken. Seit 2013 läuft unter anderem das Schwedt-Labor. Der Bürgermeister der Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern zieht mit. Bei einer Befragung unter den Jugendlichen habe sich herausgestellt, dass diese eine feste Anlaufstelle haben wollen, die regelmäßig besetzt ist und die unabhängig von der Stadtverwaltung ist.

„Es gibt eine große Realitätsferne bei den Entscheidern“, sagte Hegemann. Diese würden den jungen Menschen kaum was zutrauen und eher noch Angst entwickeln.

Angst war ohnehin das, was auch andere Jugendforscher als wiederkehrendes Phänomen im Zusammenspiel von Erwachsenen mit Jugendkulturen ausgemacht haben. „Die Leute denken immer schnell an dunkle Räume, Drogen und wilden Sex, wenn es um jugendliche Subkulturen geht“, sagte Günter Mey.

Angefangen mit dem „Fischbüro"

Dimitri Hegemann geht anders auf junge Menschen los. „Wenn man denen Freiräume gibt, dann kommt da schon was bei raus“, sagt er. „Es gibt einzelne Personen, die alles verändern können.“ Mit den „Happy locals“, zu denen noch weitere Kreativunternehmer gehören, habe er ein Coaching für motivierte Jugendliche entwickelt. Sie kommen für zwei Monate nach Berlin und werden darin geschult, wie man Projekte umsetzt. „Das sind Leute, die in kleineren Orten leben und große Energie und Leidenschaft mitbringen“, sagte Hegemann.

Welchen Freiraum er sich als junger Mensch gegönnt hat, wurde aus seinen Erzählungen aus seiner Anfangszeit in Berlin deutlich. In Kreuzberg hatte er das sogenannte „Fischbüro“, dort wurden abends dadaistische Vorträge gehalten und absurde Sachen erzählt. „Wir hatten einen, der hat Geschichten um wahre Telefonnummern herum erzählt und das Publikum hat gegrölt“, sagte Hegemann.

Für ihn selbst aber seien es immer die Räume gewesen, die ihn inspiriert haben. „Ein Raum kann Magie sein“, sagt er. Das sei beim Tresor des Wertheim-Kaufhauses in Berlin-Mitte auch so gewesen. „50 Prozent des Genusses sind der Raum.“

Seit einiger Zeit ist er fasziniert von einer heruntergekommenen Autofabrik in Detroit, wo er seit einiger Zeit von der städtischen Führungsetage das „Go“ für ein Kreativ- areal hat.