Berlin - Der große Frust und die emotionalen Diskussionen über Rot und Elfer oder Abseits waren auch am Tag nach der Hertha-Pleite gegen Nürnberg in der Hauptstadt noch nicht vorüber.

"Das ist abenteuerlich", erklärte Hertha-Manager Michael Preetz zu jener Entscheidung von Schiedsrichter Michael Weiner, die den Debatten um Sinn und Unsinn von aktivem und passivem Abseits wieder neue Nahrung gab. Die Ratlosigkeit zieht sich von den Fans über die Entscheidungsträger in den Bundesligaclubs bis hin zu den Profis selbst: "Keine Ahnung, was der Schiedsrichter entschieden hat", erklärte Herthas Mittelfeldspieler Per Skjelbred ratlos.

Nach einem Kunstschuss von Ronny aus 35 Metern hatte Nürnbergs Neuzugang Ondrej Petrak den Ball auf der Torlinie mit der Hand gestoppt. Weiner zog Rot und die 37 483 Zuschauer erwarteten schon den Elfmeter, als der Referee nach einem Gespräch mit seinem Assistenten Norbert Grudzinski die Entscheidung zurücknahm und auf Abseits-Freistoß für die Gäste entschied. "Der Spieler Ramos stand im Abseits, dann kam es zu einem Zweikampf mit Torwart Schäfer, auch mit Kontakt", klärte Weiner später im RBB auf. Im Stadion hatten es außer Keeper Raphael Schäfer nicht viele verstanden. "Ramos hat mich im Rücklaufen behindert", meinte der Nürnberger Schlussmann.

Die Verwirrung liegt einfach in der Fußball-Regel. "Ein Spieler wird nur dann für seine Abseitsstellung bestraft, wenn er nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler berührt oder gespielt wird, aktiv am Spiel teilnimmt, indem er ins Spiel eingreift oder einen Gegner beeinflusst oder aus seiner Position einen Vorteil zieht", heißt es im FIFA-Reglement. Nach Ansicht von Grudzinski hatte Ramos in der Szene kurz vor Schluss Schäfer zumindest beeinflusst, in dem er seinen Laufweg kreuzte. Weiner entschied also entsprechend der Regel.

Allerdings saß sein Assistent einer falschen Wahrnehmung auf. Denn der zuvor weit aus dem Tor geeilte Schäfer hatte gar nicht mehr ernsthaft versucht, in seinen Kasten zurückzukehren, als der weite Ball von Ronny überraschend Richtung Tor flog. Ramos hatte also Schäfers Tun gar nicht beeinflusst. "Das sind menschliche Entscheidungen, der Linienrichter hat etwas anderes gesehen", bemerkte Hertha-Coach Jos Luhukay mit etwas Abstand. Statt 2:2 folgte das Nürnberger 3:1 - Hertha muss weiter auf den ersten Punkt des Jahres warten. "Wir müssen uns gemeinsam aufrichten, um das letzte Quäntchen Glück wieder zu erzwingen", betonte der Niederländer.

Sein Landsmann Gertjan Verbeek räumte unumwunden das Glück der Franken ein. "Es ist nicht schlechter oder besser, es ist anders", sagte der Nürnberger Coach über das Verlassen der Abstiegsränge. "Wir sind noch immer in Abstiegsgefahr, wir machen nur kleine Schritte."

Allerdings steigt mit sechs Punkten in zwei Spielen 2014 beim "Club" nun wieder das Selbstbewusstsein - und das vor dem bayerisch-fränkischen Duell am Samstag. "Ich glaube, dass alle gern vor ausverkauftem Haus gegen die Bayern spielen wollen", bemerkte Verbeek zur Stimmung im Verein. "Das ist ein absolutes Highlight und eine große Herausforderung", ergänzte der Ex-Münchner Feulner.

Aufsteiger Hertha muss nach einer tollen Hinrunde nun beweisen, dass die Mannschaft auch unglückliche Entscheidungen wegstecken kann. "So eine Situation hatten wir in dieser Saison noch nicht", meinte Luhukay vor dem Duell beim angeschlagenen Hamburger SV am Samstag. Die 61,2 Millionen, die ein US-Investor in Hertha steckt, tangieren den Trainer nur am Rande: "Wir müssen weiter kreative Lösungen finden im sportlichen Bereich. Es wird nicht so sein, dass wir im Sommer mit dem großen Geldbeutel losgehen und Topstars nach Berlin holen."