Hamburg - In der größten Krise der Clubgeschichte soll Mirko Slomka den taumelnden Hamburger SV vor dem ersten Abstieg aus der Fußball-Bundesliga bewahren.

Auch wenn der Verein das Engagement des früheren Schalker und Hannoveraner Cheftrainers aus formalen Gründen noch nicht bestätigen konnte, ist die Retter-Mission Slomkas quasi perfekt. Nach dpa-Informationen wird der Aufsichtsrat an diesem Montag um 8.00 Uhr das Engagement Slomkas absegnen. Das Gremium werde "die Zustimmung nicht verweigern", hieß es einen Tag nach der Entlassung von Bert van Marwijk aus Aufsichtsrats-Kreisen.

Zu allem Überfluss muss der HSV im Abstiegskampf auch noch rund drei Wochen auf seinen Kapitän Rafael van der Vaart verzichten. Der niederländische Nationalspieler erlitt bei der 2:4-Niederlage bei Eintracht Braunschweig einen Bänderriss und Kapselriss im rechten Sprunggelenk. Geht es nach der Meinung des früheren Hamburger Torwarts Uli Stein, ist dies keine Schwächung. "Was van der Vaart auf dem Platz abliefert, hat mit Fußball nichts zu tun. Das ist ein Alibi-Fußballer. Er verlangsamt das Spiel", sagte der ehemalige Fußball-Nationaltorwart, der 1983 mit dem HSV den Europacup der Landesmeister geholt hatte, am Sonntagabend in der TV-Sendung Sky90.

In jedem Fall wird das Chaos der vergangenen Tage auch in den Führungsgremien des Clubs Konsequenzen nach sich ziehen. Kolportiert wurde, dass mehrere Aufsichtsrats-Mitglieder zum Rücktritt bereit seien. Der erste soll Diplomvolkswirt Hans-Ulrich Klüver sein. Bekannt wurde, dass auch Unternehmensberater Ali Eghbal ausscheiden will.

Der 51-Jährige werde wie andere Räte das Kontrollgremium verlassen, wenn über den finanziellen Rahmen für den neuen Trainer abgestimmt worden sei. Wenn vier des elf Mitglieder starken Gremiums bleiben, wäre der Rat immer noch beschlussfähig. Bei dem Durcheinander im Kontrollgremium, das eigentlich den Vorstand stürzen wollte, ist eine Reduzierung auf das Wesentliche wohl das Klügste. "In den oberen Etagen wird der Club von Ahnungslosen geführt", sagte Uli Stein über die Vereinsverantwortlichen.

Am Volkspark geht die Angst um: Kann überhaupt noch jemand den unaufhaltsamen HSV-Absturz stoppen? Slomka wäre nicht zu beneiden: Er fände eine völlig verängstigte Mannschaft vor, die das Fußballspielen verlernt hat und keinerlei Ordnung auf dem Platz erkennen lässt. Auch Nationalspieler haben ihre Klasse verloren und können keinen Weg aus der Krise weisen. Der HSV, der in 51 Jahren Bundesliga immer erstklassig war, rast im Höllentempo auf den Absturz in Liga zwei zu.

So schwer die Schmach auch an ihm nagt, dem HSV weder Spielkultur noch Erfolgsbesessenheit beigebracht zu haben, so erleichtert war van Marwijk nach dem Ende des Leidens in Hamburg. Er hatte spätestens bei der Niederlage in Braunschweig erkannt, dass er mit seinem Latein am Ende ist. Von selbst aufgeben wollte der 61 Jahre alte Niederländer aber nicht. Nun kommt er in den Genuss einer satten Abfindung, die sich auf rund zwei Millionen Euro belaufen soll. Nicht mal fünf Monate des bis Sommer 2015 datierten Vertrages hat er erfüllt.

Das Kapitel van Marwijk ist nach 144 Tagen mit einer niederschmetternden Bilanz beendet: 15 Liga-Spiele, neun Niederlagen, drei Siege, drei Unentschieden sowie eine Serie von sieben Schlappen nacheinander. 0,8 Punkte pro Spiel, das ist die zweitschlechteste Bilanz eines HSV-Cheftrainers nach Michael Oenning (0,64).

Noch am späten Samstagabend brauste van Marwijk vom Parkplatz der HSV-Arena in seine Heimat. Zuletzt hatte er sich beschwert, dass er seine Enkel nicht mehr regelmäßig sehen konnte. "Er hat sehr nüchtern und verständnisvoll reagiert", berichtete Vorstandschef Carl Jarchow. Für die Öffentlichkeit gab der scheidende Coach kein Statement mehr ab. Seinen Spielern soll er laut "Hamburger Morgenpost" gesagt haben: "Ich glaube auch weiterhin an euch, wie ich es die ganze Zeit gemacht habe. Ich gönne es euch und wünsche euch viel Glück."

In der historischen Spielzeit mit immer neuen Pleite-Rekorden gibt es ein weiteres Novum: Noch nie in der Geschichte des HSV sind zwei Trainer in einer Saison beurlaubt worden. Van Marwijks Vorgänger Thorsten Fink musste am 16. September 2013 den Stuhl räumen. Für die neunmonatige Restlaufzeit seines Kontraktes soll er eine Abfindung von 800 000 Euro kassiert haben.

Schon Sportchef Frank Arnesen, von dem sich der HSV im vorigen Sommer getrennt hatte, durfte 1,4 Millionen Euro einsacken. Der ohnehin klamme Verein, der jährlich Defizite schreibt und sich als vermeintliche Verstärkungen gerade mal Leihspieler für sechs Monate leisten kann, hat arg zu knabbern an seiner rasanten Personalpolitik. 16 Trainer hat er in diesem Jahrtausend verschlissen.

Die demoralisierende Schlappe in Braunschweig hat die kühnsten Hoffnungen auf Besserung explosionsartig zerstört. Wer gegen den Tabellenletzten, der in 20 Spielen mit mageren elf Törchen den schwächsten Angriff der Liga stellte, gleich vier Gegentore kassiert, dem ist kaum noch zu helfen. Exemplarisch für den HSV-Niedergang ist René Adler. Der Nationaltorhüter präsentierte sich fahrig und verschuldete zwei Gegentore. "Das passt zu unserer Gesamtsituation, dass dann René patzt", sagte Kreuzer.