Frankfurt/Main - Die Liste seiner Erfolge als Fußballer ist eindrucksvoll, aber das Schicksal hat es nicht immer gut gemeint mit Dieter Müller. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag. Der frühere Nationalstürmer ist froh, überhaupt noch am Leben zu sein.

Zweimaliger Torschützenkönig der Bundesliga, Vize-Europameister 1976, zwölfmaliger Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1978 in Argentinien, Profi bei Kickers Offenbach, dem 1. FC Köln, dem VfB Stuttgart, Girondins Bordeaux und dem 1. FC Saarbrücken - das ist nur die eine Seite. "Dass ich so optimistisch geblieben bin", sagt Dieter Müller in einem dpa-Gespräch, "ist ein Wunder".

Der gebürtige Offenbacher sitzt in einem Lokal an der Frankfurter Alten Oper und erzählt leise von jenem 30. September 2012, als er zu Hause in Maintal einen Herzinfarkt erlitt und anschließend fünf Tage im Koma lag. Seine Lebensgefährtin Johanna Höhl rief damals den Notarzt und rettete ihm mit Erste-Hilfe-Maßnahmen das Leben. "Im Prinzip war ich fast tot." Heute geht es ihm körperlich wieder gut, er läuft viermal die Woche und will beim Bordeaux-Marathon 10 oder 15 Kilometer in Angriff nehmen. Aber er sagt auch: "Es war alles sehr unwirklich. Es ist schwierig für die Psyche."

Seinen 60. feiert Dieter Müller mit Freunden und Familie auf Mallorca, im Anschluss an eine Veranstaltung der "Gofus", der "Golfspielenden Fußballer", die für einen guten Zweck Turniere spielen. Eigentlich hat er noch den Traum von einer Rundreise in Südafrika, aber jetzt bekommt er von seiner Johanna erstmal ein paar neue Golfschläger. Sein Job ist seine Fußballschule, die er für Kinder und Jugendliche betreibt.

"Ich habe immer gutes Geld verdient, ich bin nicht reich, aber ich bin glücklich und zufrieden", sagt Dieter Müller und zeigt auf die Weinflasche, die dekorativ im Regal steht: "Terre Brune 2005, Superior. Kann ich empfehlen". Er hat sogar eine Visitenkarte: "Ihr Weinberater Dieter Müller." Die Zeit bei Girondins Bordeaux hat ihn geprägt, noch heute fährt er gerne dorthin. Seine Liebe zum Wein entstand durch seine Freundschaft mit dem Kellermeister des berühmten Château Mouton-Rothschild.

Das Savoir-vivre hat sich Dieter Müller bis heute bewahrt. Vielleicht ist er deshalb nie Trainer geworden. "Dafür hat mir die Besessenheit gefehlt. Ich bin nicht so der akribische Arbeiter, eher der Lebenskünstler." Als Präsident seines Heimatclubs Kickers Offenbach trat er 2012 zurück. "Nach zwölf Jahren war ein bisschen Verschleiß dabei", erklärt er. "Es wird ein paar Jahre dauern, bis der Club wieder hochkommt, aber mein Herz hängt dran."

Mit dem 1. FC Köln war Dieter Müller 1978 deutscher Meister. In Bordeaux spielte er mit Jean Tigana und Alain Giresse und holte 1984 und \'85 den Titel. In 303 Bundesliga-Spielen schoss er 177 Tore; 1977 traf er beim 7:2 gegen Werder Bremen gleich sechsmal - das ist bis heute Bundesliga-Rekord. Bei der EM war er 1976 Torschützenkönig, die ganz große Nationalmannschaftskarriere machte er jedoch nicht. "Die Chemie zwischen Helmut Schön und mir hat vielleicht nicht so gestimmt. Außerdem hatte ich harte Konkurrenz mit Klaus Fischer und Horst Hrubesch."

Der frühere Stürmer zuckt die Achseln. Er habe dem Fußball viel zu verdanken, aber vieles immer extrem kritisch gesehen. Und er hatte Phasen im Leben, wo der Fußball nicht mal eine Nebensächlichkeit war. 1997 starb sein Sohn Alexander an einem Gehirntumor - mit 16. "Aus dem Nichts. Innerhalb von einem dreiviertel Jahr", sagt Dieter Müller. "Da hast du jeden Tag das Gefühl, dass dir das Herz rausgerissen wird." Die Zeit heile schon Wunden, sagt er. Aber die Erinnerung an die Schmerzen und die Narben werden ihn den Rest seines Lebens begleiten. Genauso wie sein Lächeln und seine Gelassenheit.