Hannover - Angst vor dem Abstieg, Furcht vor Randale, ein Rechtsstreit vor Gericht und ein totes Lamm am Zaun - das prestigeträchtige Niedersachsen-Derby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 ist an Brisanz kaum zu überbieten.

Die Vorfreude auf das Duell der Erzrivalen am Sonntag ist großen Befürchtungen gewichen. "Es ist kein normales Spiel. Wir hätten gerne ein Fußballfest gefeiert. Aber die Begleitumstände machen nicht froh", erklärte 96-Manager Dirk Dufner.

Vor dem Trainingsbeginn am Freitag musste sein Verein ein totes Lamm, das am Zaun hing, entfernen lassen. "Das ist pervers", kommentierte Dufner die erneute Scheußlichkeit. Schon vor dem Hinspiel im November war ein lebendiges Schwein durch die Stadt getrieben worden. Dabei hat Hannover 96 ganz andere Sorgen als tierische Geschmacklosigkeiten. Drei Niederlagen in Serie haben die Abstiegssorgen erheblich verschärft und drücken auf die Stimmung.

"Es ist eine bedrohliche Situation", sagte Torwart Ron-Robert-Zieler vor der als Sicherheitsspiel eingestuften Partie. "Es geht um das Derby und wir wissen um die Bedeutung dieses Spiels. Mit einem Sieg können wir viel Sympathien bei unseren Fans zurückgewinnen", fügte der Nationalspieler hinzu. "Dufner rief zu mehr Gelassenheit auf. "Das Spiel wird sehr überhöht. Dementsprechend groß ist der Druck. Es ist aber nicht der real existierende Druck", erklärte der Manager.

Es ist das erste Bundesliga-Duell der Erzrivalen seit 39 Jahren im Eintracht-Stadion und ausgerechnet jetzt sind viele 96-Anhänger unzufrieden mit ihrer Mannschaft. Das Team von Trainer Tayfun Korkut taumelt seit dem vorzeitigen Saisonaus für Torjäger Mame Diouf wegen einer Schulterverletzung scheinbar unaufhaltsam der Abstiegszone entgegen. Die Auftritte wirken zuletzt lethargisch und emotionslos. "Wir steigen nicht ab und wollen das Polster auf den Relegationsplatz verteidigen", versprach Korkut.

Während in Hannover mit wachsender Sorge der schmelzende Abstand zu Platz 16 registriert wird, ist beim Tabellenletzten Braunschweig der drittletzte Platz das Ziel aller Bemühungen im Abstiegskampf. "Für uns wäre der Relegationsplatz ein Riesenerfolg", sagte Trainer Torsten Lieberknecht. Seine fast schon abgeschriebene Mannschaft hat in der Rückrunde ebenso wie Hannover elf Punkte geholt, der Trend der vergangenen Wochen ist positiv.

"Bei anderen Vereinen existiert eine Angst abzusteigen, so etwas kann lähmen", sagte Lieberknecht am Freitag. Der gebürtige Pfälzer sieht sein Team im Vorteil. "Unsere Jungs kennen dagegen die Situation." Mit 30 000 Flyern, 10 000 Luftballons und der Aktion "Eine Stadt lebt blau-gelb" stimmt die Eintracht die Bevölkerung auf das Derby ein.

Lieberknecht lebt seine Emotionen im Gegensatz zu seinem Kollegen Korkut an der Seitenlinie voll aus. Bereits dreimal wurde er in dieser Saison auf die Tribüne geschickt. Der Bremer Schiedsrichter Peter Gagelmann, der das Derby leitet, gilt nicht als sein bester Freund. Zurückhaltung ist also angebracht und um Zurückhaltung bemühten sich im Vorfeld alle Verantwortlichen der beiden Clubs. Sie verzichteten auf coole Sprüche, um die Stimmung nicht noch mehr anzuheizen.

Die skandalösen Ereignisse beim 0:0 im Hinspiel im November 2013 in Hannover sind nicht vergessen. Der DFB hatte die Clubs wegen des Fehlverhaltens ihrer Fans zu drastischen Geldstrafen verurteilt. Die Gesamtsumme liegt bei 170 000 Euro. "Wir hoffen, dass es friedlich bleibt", sagte 96-Manager Dufner. Eintrachts Sportdirektor Marc Arnold betonte angesichts der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen: "Beide Vereine sind in Vorlage getreten."

In Braunschweig herrscht am Derby-Tag Ausnahmezustand. Insgesamt 3300 Polizisten sind im Einsatz. Die meisten der 2280 Gäste-Fans werden mit 50 Bussen von Hannover in das 70 Kilometer entfernte Braunschweig gebracht, nur in den Fahrzeugen sind die Tickets erhältlich.

Gegen dieses ungewöhnliche Verfahren, auf das sich die Vereine, die Polizei und das Innenministerium verständigten, haben einige Dauerkarteninhaber mit Erfolg geklagt. Das Amtsgericht Hannover gab am Freitag ihren Einstweiligen Verfügungen statt. Die bis zu elf Fans können individuell anreisen. Die Einzelfall-Entscheidungen tangieren laut Hannover 96 aber nicht das Sicherheitskonzept.

Verärgerte 96-Ultras wollen am Sonntag vor dem Hauptbahnhof in Braunschweig gegen die Maßnahme protestieren. Einen geplanten Demonstrationszug durch die City hat die Stadt Braunschweig untersagt. Die Polizei stellt sich auf mehr als 2000 Problemfans aus Braunschweig, Hannover und befreundeten Vereinen ein. Sie werden in der Innenstadt aufmerksam beobachtet. "Wir werden Störungen schon im Ansatz erkennen", versprach Einsatzleiter Roger Fladung.