Obidos - Das Warten auf den Superstar ist vorbei. Fünf Tage nach dem Champions-League-Triumph mit Real Madrid fuhr Cristiano Ronaldo im Trainingslager des deutschen WM-Gegners Portugal vor - chauffiert in einem schwarzen Sportwagen aus Deutschland und empfangen von rund 500 Journalisten.

Beim letzten WM-Test in der Heimat am Samstag gegen Griechenland wird er aufgrund seiner Oberschenkel-Beschwerden aber noch geschont. Nationaltrainer Paulo Bento kündigte in Obidos an, dass er das Risiko eines Einsatzes nicht eingehen werde. Auch Ronaldos Madrider Kollege Pepe (Wadenverletzung) wird noch zuschauen. Ronaldo wird nach Bentos Angaben eine spezielle medizinische Behandlung erhalten, um im ersten WM-Spiel am 16. Juni gegen Deutschland bei vollen Kräften zu sein.

Aber allein Ronaldos Einstieg in die Vorbereitung hat das Selbstvertrauen der Portugiesen noch einmal gesteigert. "Wir haben den besten Fußballer der Welt und wir haben noch andere Spieler mit hoher Qualität", sagte Verteidiger Luis Neto von Zenit St. Petersburg. "Deshalb haben wir große Ambitionen und das Potenzial, um ein großartiges Turnier zu spielen."

Wie groß diese Ambitionen genau sind, sagt niemand im Lager des WM-Vierten von 2006. Aber die Hoffnung vieler Fans ist: Ronaldo reist als Weltfußballer des Jahres und als Champions-League-Sieger zu dieser Weltmeisterschaft. Also wird er seine Mannschaft in Brasilien auch mindestens bis ins Halbfinale führen.

Die Frage ist nur, ob selbst der zurzeit beste und wohl auch trainingsfleißigste Spieler der Welt diesen Anspruch erfüllen kann. Denn Problem Nummer eins ist: Ronaldo ist nicht fit. Schmerzen in Knie bzw. Oberschenkel kosteten ihn schon einen Einsatz im denkwürdigen Champions-League-Rückspiel bei Borussia Dortmund und verhinderten auch eine ihm angemessene Leistung im Finale gegen Atlético Madrid. "Ich bin noch nicht bei 100 Prozent", sagte er danach selbst. Auch nach seiner Ankunft im Trainingslager der Portugiesen in Obidos absolvierte er zunächst nur eine individuelle Einheit.

Die Terminhatz in der spanischen Liga und der Champions League verhinderte in den vergangenen Wochen, dass Ronaldo sich vernünftig erholen konnte. Und so lässt sein Zustand eben nicht nur blühende WM-Träume zu, sondern auch die Befürchtung, dass es ihm genauso ergehen könnte wie seinem Vorgänger Luis Figo vor zwölf Jahren. Auch der reiste 2002 als Weltfußballer und Champions-League-Sieger zur WM - und wirkte dort nach einer harten Saison mit Real Madrid nur noch ausgelaugt. Die Folge: Portugal schied bereits nach der Vorrunde aus.

Aber selbst wenn Ronaldo völlig schmerzfrei am 16. Juni gegen Deutschland auf dem Platz stehen sollte, wäre Problem Nummer zwei nicht aus der Welt: Denn Portugal ist nicht Real Madrid. Der berühmteste Club des Planeten bietet ihm die Möglichkeit, jeden Titel und jede Auszeichnung zu gewinnen, die man als Vereinsspieler nur gewinnen kann. Mit seiner Nationalelf hat der 29-Jährige dagegen noch nie einen Pokal geholt. "Das wäre die Krönung meiner Karriere", sagte er vor dieser WM. "Nichts ist unmöglich im Fußball, aber das wird sehr schwer."

Cristiano Ronaldo klingt gleich ganz anders, wenn er als Kapitän der Portugiesen spricht. Er ist dann nicht mehr bloß der Selbstdarsteller, der im Champions-League-Finale mit nacktem Oberkörper vor den Fotografen posiert, wenn er gerade das unbedeutende 4:1 geschossen hat. Im Nationalteam ist er, wie der "Kicker" schrieb: "Der Boss, der Macher, der Schönling, doch irgendwie einfach auch: der fürsorgliche Vater der Kompanie."

Als solcher wird er mit Sorgen registriert haben, dass ein Großteil der portugiesischen Offensiv-Abteilung zuletzt noch viel größere Probleme hatte als er selbst. Nani, Eder, der Wolfsburger Vieirinha und auch Helder Postiga vom Klose-Club Lazio Rom: Sie alle verpassten einen Großteil der abgelaufenen Saison aufgrund diverser Verletzungen. Die Kader-Zusammenstellung von Trainer Bento ist deshalb ein Risiko. Wie fit genau die Portugiesen sind, wird sich erstmals am Samstag gegen Griechenland zeigen.