Berlin - Viel Zeit bleibt nicht mehr. Nicht für Bundestrainer Joachim Löw, nicht für US-Coach Jürgen Klinsmann und auch nicht für deren 30 Trainerkollegen. Das Wochenende wird zum großen Testmarathon für die Fußball-WM, wenn immerhin 23 Teams ihre Form für Brasilien überprüfen.

Letztmals vor Ablauf der Kaderfrist am Montag um Mitternacht können sich Wackelkandidaten präsentieren - um sich den Traum vom Turnier am Zuckerhut zu erfüllen.

Klinsmann hat sich im Gegensatz zu vielen anderen Trainern schon auf seine WM-Fahrer festgelegt. Im Test gegen die Türkei in Harrison/New Jersey am Sonntag müssen die US-Boys aber mehr zeigen als zuletzt beim mühevollen 2:0 gegen Aserbaidschan - sonst sinkt die WM-Stimmung. Berti Vogts hat die Seiten gewechselt. "US Soccers International Man of Mystery" wird der frühere Bundestrainer bei MLS.com genannt. Als "special advisor" ist er Klinsmanns Sonderberater und spioniert die Gruppengegner Ghana, Portugal und Deutschland aus.

San Francisco, Rotterdam, Mönchengladbach, Boston, Jacksonville, Miami, Sao Paulo lauten seine Stationen bis zum 10. Juni - knapp 23 000 Kilometer, mehr als einmal um den halben Globus. Vor dem DFB-Test am Sonntag in seiner Heimat Mönchengladbach gegen Kamerun ist Vogts am Samstag in Rotterdam bei der Partie zwischen den Niederlanden und Ghana.

Die Partie gegen Oranje wird für die Black Stars zum großen Stresstest. Nach sechs Tagen Trainingslager dürfte sich offenbaren, wie viel von Kevin-Prince Boateng & Co. in Brasilien zu erwarten ist. Mit forschen Sprüchen sind die Westafrikaner schon jetzt dabei. Staatspräsident John Dramani Mahama und Verbandspräsident Kwesi Nyantakyi forderten in aller Öffentlichkeit den WM-Titel.

Auch Nationaltrainer Kwesi Appiah legt keinen großen Wert auf Understatement. "Unsere Einheit ist fantastisch, die Disziplin ist riesengroß", schwärmte der 53-Jährige vor der Partie in Rotterdam und beteuerte: "Ich bin beeindruckt von der Leistung meiner Spieler. Alle sind aufmerksam. Jeder versucht zu tun, was er kann." Wohl auch deshalb, weil sich bisher nur die wenigsten sicher sein können, in Südamerika mit dabei zu sein. Erst nach dem Spiel will Appiah seinen vorläufigen 26-er Kader auf 23 Profis reduzieren, ehe das Team dann ins abschließendes Vorbereitungscamp nach Miami durchstartet.

Bondscoach Louis van Gaal möchte unmittelbar vor der Partie am Samstag Klarheit für seine Akteure schaffen. Sicher ist, dass Regisseur Rafael van der Vaart wegen einer Wadenblessur fehlen wird. Der Mann vom Hamburger SV verletzte sich im Trainingslager im portugiesischen Lagos am letzten Tag - allerdings hätte er der Elftal angesichts seiner Formschwäche und eklatanter physischer Defizite wohl nur schwer weiterhelfen können. "Das war das schlechteste halbe Jahr meiner Karriere", gestand van der Vaart zuletzt offen ein.

Bei Deutschlands Auftaktgegner Portugal dreht sich alles um einen Fixstarter: Cristiano Ronaldo. Beim letzten WM-Test in der Heimat am Samstag gegen Griechenland wird er aufgrund seiner Oberschenkel-Beschwerden geschont. Aber allein der Einstieg in die Vorbereitung nach dem Champions-League-Sieg mit Real Madrid hat das Selbstvertrauen der Portugiesen noch einmal gesteigert.

Italiens Trainer Cesare Prandelli macht keinen Hehl daraus, worum es im Test gegen Irland in London geht. Wackelkandidaten wie Giuseppe Rossi oder Marco Verratti müssen sich zeigen. "Für ihn wird es wie ein WM-Eröffnungsspiel sein", sagte Prandelli über Rossi. Wie Löw will auch Prandelli bis zum Montag warten, um den Kader zu verkünden.

Der ehemalige Bundesliga-Profi Martin Demichelis bleibt vor der Entscheidung über seine mögliche zweite WM-Teilnahme für Argentinien gelassen. "Ich bin nicht ängstlich, ich genieße es", wurde der 33 Jahre alte Abwehrspieler von der Zeitung "Olé" (Freitag) zitiert. "Wir alle träumen davon, dabei sein zu können", sagte Demichelis, der von Argentiniens Nationalcoach Alejandro Sabella in den vorläufigen Kader berufen worden war.

Englands Profis wissen immerhin schon, was ihnen der WM-Titel finanziell bringen würde. Jeder Profi kassiere rund 350 000 Pfund (ca. 430 000 Euro) für den Triumph in Brasilien, schrieb die "Daily Mail" (Freitag). Das sei das Ergebnis der Verhandlungen zwischen nationalem Verband FA und Spielervertretern im Januar. Das Team werde die Auflaufprämien bei den anstehenden WM-Auftritten wie bei allen Länderspielen für einen guten Zweck spenden. Philipp Lahm & Co. dürfen in Brasilien auf jeweils 300 000 Euro im Falle des Weltmeistertitels hoffen.