Hamburg - Holger Stanislawski schlendert in den Pressekonferenzraum mit Panoramablick über seinen neuen Supermarkt - und feixt: "Was ist hier los an der Kasse? Umsätze bitte!" Das kann das coole St. Pauli-Urgestein doch nicht ernst meinen! Doch. Tatsächlich.

Der Fußballlehrer sagt in seiner Filiale im schicken Hamburg-Winterhude Sätze wie: "Nein, ich muss keine 500 Käsesorten kennen, dafür haben wir qualifiziertes Personal." Oder: "Der Beruf des Kaufmanns ist in Hamburg hoch angesehen."

Es wirkt ein wenig bizarr, wie er für die Fotografen hinüber zu den Orangen geht und erste Kundengespräche beginnt, etwa mit Stammkundin Gertrud (83): "Sind Sie nicht St. Pauli?" - "Ja, das bin ich. Wenn Sie Beschwerden haben, wenden Sie sich bitte an meinen Kollegen Alexander Laas." Der ehemalige HSV-Profi ist "Stanis" Mitinhaber.

Beide wollen vom 1. Juli an eine dreimonatige Einarbeitungsphase in dem 6200 Quadratmeter großen Markt in einem einstigen Straßenbahndepot absolvieren. Vom Herbst an steht dann offiziell "Stanislawski-Laas & Co. GmbH" an der Ladentür. Vor drei, vier Monaten hätten sich beide beim "Käffchen", so Stanislawski, das Projekt ausgedacht.

"Als zweites Standbein, wenn mal mit dem Profifußball Schluss ist. Für zwei Hamburger Jungs, für die die schönste Stadt der Welt der Lebensmittelpunkt ist.". Den Kontakt zum Hauptsponsor (Rewe) seines ehemaligen Arbeitgebers 1. FC Köln hatte er von seiner letzten Trainerstation noch. Ganz praktisch ...

Allzu überraschend ist "Stanis" Wechsel auf fremdes Terrain gar nicht. Henry Maske ist Franchisenehmer einer Fastfoodkette, Boris Becker führt Autohäuser in Mecklenburg-Vorpommern, FC-Bayern-Idol Georg "Katsche" Schwarzenbeck hatte seinen legendären Schreibwaren-Kiosk.

Ein Rewe-Regionsleiter lächelt zufrieden und weist dezent darauf hin, dass man ja auch den DFB sponsere und WM-Held Thomas Müller als Testimonial habe. Und dieser privatisierte Markt in Winterhude habe nun auch ein "Gesicht". Das von Stanislawski ist braun gebrannt und gut erholt. "Ein paar Tage Italien", sagt der 44-Jährige.

Wieso wechselt der gelernte Masseur mit einem Abschluss als Sportfachwirt in den Einzelhandel? "Ich habe mich schon immer für viel interessiert und über den Tellerrand hinausgeguckt." Was er in den Laden mit mehr als 100 Mitarbeitern von seinen Trainerqualitäten einbringt? "Meine Stärke, ein Team führen zu können, ohne dass das Team es merkt."

Seine Trainerlaufbahn hat er aber "noch nicht abgehakt", versichert der Mann, der als Jahrgangsbester des DFB-Fußballlehrer-Lehrgangs einst von St. Pauli zu 1899 Hoffenheim gewechselt war: "Aber ich muss von einer Aufgabe hundertprozentig überzeugt sein. Im Moment gibt es nicht mehr so viele Projekte, die für mich spannend sind."

Er verrät, dass er bei seinem Markt in Vorleistung gehen musste, "aber nicht mit einem Millionenbetrag", und er eine Ruhezone für ältere Leute plane. Mit Fußball-Devotionalien solle man nicht rechnen: "Wir werden keine Wassermelonen in schwarz-weiß lackieren. Wir sind seriöse Kaufleute."