Brasília - Brasilien hatte endgültig genug von seinen WM-Versagern. Kein Abschied mit Würde, keine Versöhnung, nur noch kollektiver Frust.

So schnell es ging buhten die Fans ihre abgestürzten Helden mit dem humpelnden Neymar vom Platz und feierten nach dem 0:3 (0:2) gegen die Niederlande lieber den WM-Dritten um Arjen Robben. "Eine WM der Negativ-Rekorde für Brasilien", titelte "O Globo". Nicht nur die Zeitung "Folha de São Paulo" forderte "nach dem neuen Fiasko" das sofortige Ende für den unglücklichen Coach Luiz Felipe Scolari. Sogar der große Pelé war über das Turnier mit dem 1:7-Debakel gegen Deutschland als Tiefschlag entsetzt: "Nur Gott kann dieses Desaster erklären."

Die stolze Fußball-Nation rechnete mit der Seleção gnadenlos ab. Bei allem Ärger über das eigene Team zeigten sich die Zuschauer im Estádio Nacional von Brasília als gute Verlierer: Minutenlang liefen der überragende Bayern-Superstar Robben und seine Mannschaftskollegen unter Beifall die Ehrenrunde und verabschiedeten ihren Bondscoach Louis van Gaal. "Ich denke, dass sie immer einen Platz in meinem Herzen haben werden", berichtete der Erfolgstrainer sentimental über die Gefühle für sein Team. "Es gibt eine besondere Beziehung zueinander", antwortete Robben wenig später.

Für Scolari war die Aufarbeitung des gründlich missratenen Heimturniers wesentlich ungemütlicher. Immer wieder versuchte der angeschlagene Coach bei der Pressekonferenz, den aufgebrachten brasilianischen Journalisten die neue Schande zu erklären. Dann kam plötzlich Neymar als moralische Unterstützung durch die Tür. Der verletzte Superstar schlich mit schwarzer, falsch herumgedrehter Kappe zu Scolari und herzte seinen Coach, der ihm zum Dank ein Küsschen auf die Wange drückte. Szenen eines wahrscheinlichen Abschieds.

"Wir haben die Top Vier erreicht. Ich denke nicht, dass wir das Nationalteam kritisieren können", erklärte der Weltmeistertrainer von 2002 trotzig. Nichts anderes als der Titel wurde von der Seleção verlangt - und doch klammert sich Scolari auch nach Auslaufen seines Vertrags an eine mögliche Fortsetzung der Arbeit. "Darüber muss der Verbandspräsident entscheiden. Wir hatten vereinbart, dass wir nach Ende des Wettbewerbs einen Bericht einreichen werden", sagte der 65-Jährige, obwohl sein Team gleich mehrere Negativmarken gesetzt hat. Seit 1986 hat kein Team 14 oder mehr Gegentore bei einer WM-Endrunde kassiert. Vor 74 Jahren verlor das erfolgsverwöhnte Brasilien zuletzt zwei Heimspiele nacheinander. "Brasilianischer Black-Out: Teil 2. Neues Leiden", schrieb die Sportzeitung "Lance!".

Auch beim Oranje-Team war der Schmerz über den verpassten Titel groß. Der vierte WM-Podestplatz als "schönes und verdientes Abschiedsgeschenk" ("De Telegraaf") für van Gaal konnte daran kaum etwas ändern. Wie der Coach schimpfte Robben trotz des Happy Ends über das Duell der Verlierer in Brasília: "Von mir aus könnten sie es abschaffen, ich denke, es geht der FIFA dabei um kommerzielle Dinge." Zu tief saß immer noch der Frust über die Halbfinal-Pleite im Elfmeterschießen gegen Argentinien: "Hiermit haben wir den Kater ein wenig weggespült, aber die Enttäuschung überwiegt weiter", sagte Robben. "Wenn wir das Turnier dann heute so abschließen, da bin ich aber ganz stolz auf meine Jungs."

Ob die goldene, jedoch weiter titellose Generation mit dem am Samstag verletzt fehlenden Wesley Sneijder und Robin van Persie noch einen vierten, letzten gemeinsamen Anlauf auf den ersehnten Weltpokal nimmt, konnte er nicht versprechen. In Russland 2018 wäre das Angriffstrio bereits 34 Jahre alt. "Ich kann nur für mich selber sprechen: Solange ich Spaß habe, will ich weitermachen für das Nationalteam. Je älter ich werde, desto besser werde ich anscheinend", betonte Robben. "Aber vier Jahre sind eine lange Zeit."

In Guus Hiddink haben die Niederlande schon längst ihren Trainer für die Zeit bis zur EM 2016 gefunden, in Brasilien beginnt nun erst die Analyse. Hinter den Kulissen geht es ähnlich drunter und drüber wie auf dem Platz. Der designierte Präsident des Verbandes (CBF), Marco Polo Del Nero, sprach sich zuletzt für einen Verbleib von Scolari aus. Noch-Verbandschef Jose Maria Marin sagte nach der Blamage im kleinen Finale der Zeitung "Folha da São Paulo", die Situation mit Scolari sei "unhaltbar". Adenor "Tite" Bacci (zuletzt Corinthians São Paulo) und U 20-Nationaltrainer Alexandre Gallo gelten als Nachfolgekandidaten.

Der neue Mann muss vor allem emotionale Aufbauarbeit leisten, das Selbstvertrauen liegt in Trümmern. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist ein furchtbares Gefühl", sagte Mittelfeldspieler Oscar ratlos und vergoss - wieder einmal - ein paar Tränen. Auch Kapitän Thiago Silva war restlos bedient. "Dass es so zu Ende geht, haben wir nicht verdient. Wir müssen uns beim Volk entschuldigen."

Neymar, der vor dem Spiel unter großem Beifall als Glücksbringer auf der Bank Platz nahm, zog sich sein schwarzes Leibchen über die Augen. Auch er konnte nicht mehr hinsehen. "Nach einer neuen Schande, dem Verlust seines größten Stars und zehn Gegentoren in den letzten beiden Spielen beendet Brasilien die Weltmeisterschaft mit Trübsinn", schrieb das Internetportal "Estadão".

Mit einer Leidensmiene verabschiedete sich auch Dante. Beim Debakel gegen Deutschland war der Bayern-Innenverteidiger einer der Sündenböcke, diesmal musste er wieder zuschauen. "Ich bin sehr, sehr enttäuscht, sehr traurig wegen des ganzen Turniers. Aber ich habe viel gelernt: Dass man im Fußball immer sehr, sehr konzentriert sein muss", erklärte der 30-Jährige. "Das Spiel gegen Deutschland war sehr schwierig. Ich bin sicher, wenn ich zurückkomme, werde ich stärker sein als vorher." Jetzt sollen ihn drei Wochen Urlaub bei der Familie auf andere Gedanken bringen.