Berlin - Die Rede war von einer Zäsur im Fußball, vom Bruch des letzten Tabus. Der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger thematisierte in der zweiten Januarwoche sein Schwulsein, vier Monate nach Ende seiner Laufbahn, als erster prominenter deutscher Fußballer überhaupt.

Seitdem ist es die Debatte wieder verebbt. "Eigentlich hat sich nichts geändert", findet Dirk Brüllau vom internationalen Netzwerk Queer Football Fanclubs (QFF), unter dessen Dach rund 30 schwul-lesbische Fanclubs wie "Andersrum auf Schalke" oder die "Rainbow Borussen" für mehr Toleranz werben.

"Ich äußere mich zu meiner Homosexualität", sagte Hitzlsperger damals der Wochenzeitung "Die Zeit", "weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte". Er wollte Mut machen. Seine Offenheit wurde gepriesen, von Prominenten, Spielern, der Bundesregierung. Aber was hat sich seitdem getan? Brüllau meint: "Wir sind nach dem Coming-Out genauso weit wie davor". Die Verbände hätten die Aufmerksamkeit nicht genutzt, um die Problematik wirklich voranzubringen.

Die Öffentlichkeit habe Hitzlsperger viel Respekt gezollt. "Aber das ist schon komisch, wenn jemand Respekt erfährt, nur weil er zu seiner sexuellen Orientierung steht", sagt Brüllau. "Eigentlich hätte es nur eine Randbemerkung in der Presse sein sollen, wie wenn ein Spieler eine neue Frau hat. Erst dann wäre es Normalität."

DFB-Chef Wolfgang Niersbach hatte Hitzlsperger damals die Unterstützung des gesamten Fußballs zugesagt. Sein Vorgänger Theo Zwanziger auf "eine positive Wirkung auf die Gesellschaft und den Profifußball der Männer" gehofft. Mehr als ein halbes Jahr später kritisiert Brüllau: "Nach dem Rücktritt von Zwanziger ist nur Stagnation festzustellen - da sind keine schönen Züge erkennbar."

Die riesige Resonanz auf das Hitzlsperger-Interview hat gezeigt, wie groß der Druck auf schwule Fußballprofis in Deutschland immer noch ist. Die Ruhe nach dem Sturm lässt erahnen, dass am letzten Fußball-Tabu vielleicht doch nur gerüttelt wurde. Hitzlsperger selbst macht sich seitdem eher rar.

Am Donnerstag tritt der 32-Jährige aber bei einer Charity-Gala der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld auf, die sich gegen Homophobie im Sport einsetzt. In Berlin sind auch DFB-Präsident Niersbach und Liga-Präsident Reinhard Rauball vertreten.

Vor dem Coming-Out von Hitzlsperger galt Marcus Urban als einziger Fußballer in Deutschland, der sich geoutet hat. "Richtig entscheidend hat sich nichts verändert", meint auch er. "Aber es ist ein Tropfen." Anfang der 1990er Jahre war er beim Zweitligisten Rot-Weiß Erfurt auf dem Sprung zum Profi, als er seine Sportlerlaufbahn abbrach und später seine Homosexualität öffentlich machte. Hitzlsperger habe die Debatte laut Urban trotzdem vorangebracht. "Jetzt reden Omas im Supermarkt darüber", sagt er. Trotzdem müssten die Verbände noch mehr tun, mehr Workshops anbieten, mehr Beratung. "Die Toleranz ist oberflächlich."

Dabei gehen Profisportler aller Disziplinen immer offener mit ihrem Liebesleben um. Der Federgewichtler Orlando Cruz aus Puerto Rico wollte im Herbst 2013 als erster offen schwuler Boxer Weltmeister werden. US-Fußballer Robbie Rogers ist homosexuell und spielt trotzdem in der amerikanischen Profiliga. Mitte Juli outete sich der australische Schwimm-Olympiasieger Ian Thorpe.

Im deutschen Männerfußball aber hält sich das Tabu. Noch immer hat sich kein einziger aktiver Profi-Kicker der Bundesliga geoutet. Noch immer leiden schwule Fans unter den Pöbeleien auf den Rängen, unter Schmähgesängen und Beschimpfungen.

"Es ist in Deutschland schon eines der letzten Refugien traditioneller Formen und Inszenierungen von Männlichkeit", meint der Oldenburger Sportsoziologe Thomas Alkemeyer. Nach seiner Ansicht hat sich daran seit Hitzlsperger wenig verändert. "Die Debatte ist nach dem spektakulären Outing wieder erlahmt", sagt Alkemeyer. Dennoch habe das Coming-Out die Diskussion geprägt. "Das ist jetzt im kollektiven Gedächtnis des Fußballs. Daran kommt man nicht mehr vorbei", sagt er. "Die Summe der Outings wird den Fußball ändern."