Berlin - Einst gewannen sie den Europacup, standen in europäischen Pokal-Endspielen und sammelten fleißig Meisterschaften. Heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, spielen die ostdeutschen Traditionsvereine nur noch in der 3., 4., 5. oder sogar 6. Fußball-Liga.

Die heutigen Zweitbundesligisten 1. FC Union Berlin und Erzgebirge Aue gehörten am Ende der DDR nicht zur höchsten Spielklasse. "Uneinholbar" sei der Rückstand nach fast zweieinhalb Jahrzehnten vereintes Deutschland für Clubs wie den 1. FC Magdeburg, Carl Zeiss Jena oder 1. FC Lok Leipzig, sagte Eduard Geyer, der letzte DDR-Auswahltrainer.

"Es wächst wieder etwas", meinte zwar Hans-Georg Moldenhauer, einstiger Fußballchef in den neuen Bundesländern. Doch seine Vision von der "Pyramide im Osten mit zwei Vereinen in der 1. Liga und drei, vier in der 2. Bundesliga" ist längst nur noch ein unrealistischer Traum. Kein einziger Club, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs am 9. November 1989 erstklassig war, hat es auf Dauer in die Beletage der gesamtdeutschen Kickergemeinde geschafft, nicht einmal in das Stockwerk darunter. Wenn als beste Mannschaften von damals heute sechs in der 3. Liga dabei sind, "braucht man nicht rumeiern, wo der Osten im Fußball steht", sagte Geyer.

Moldenhauer hatte am 19. Juli 1990 als letzter Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes der DDR mit DFB-Boss Hermann Neuberger die Wendemodalitäten für den Fußball ausgehandelt - für den Leistungsbereich und die Amateure. Sechs plus zwei hieß die Formel für die letzte Saison der einstigen DDR-Oberliga 1990/91. Meister FC Hansa Rostock und Vize Dynamo Dresden durften anschließend in der Bundesliga ran. Rot-Weiß Erfurt, der Hallesche FC Chemie, der Chemnitzer FC, Carl Zeiss Jena, der 1. FC Lok Leipzig und Stahl Brandenburg wurden in die auf 24 Clubs erweiterte 2. Liga eingestuft.

Der einzige DDR-Europacupsieger, der 1. FC Magdeburg, 1974 2:0-Finalsieger gegen den AC Mailand mit Trainer Giovanni Trapattoni, verschwand als Zehnter der Qualifikations-Spielzeit 1991 sofort in den Amateur-Niederungen. Andere folgten nach und nach. Die Hauptgründe sind klar und schon oft beschrieben: Die Sportclubs und Betriebssportgemeinschaften, die von Staat, Polizei, Armee und großen Kombinaten finanziert wurden, verloren über Nacht die wirtschaftliche Grundlage. Erfahrungen im Profi- und Marktwirtschaftsbereich fehlten.

Windige "Helfer" wie der hessische Unternehmer Rolf-Jürgen Otto in Dresden, zerstörten die zarten neuen Clubpflänzchen schon in der ersten Wachstumsphase. "Die Vereine haben selbst zu wenig daraus gemacht und sind auf Traumtänzer hereingefallen", erklärte Geyer. Die Manager der Bundesliga hatten sich auf die besten Ost-Stars wie Andreas Thom, Matthias Sammer, Thomas Doll, Ulf Kirsten oder später Michael Ballack gestürzt. Rund 150 ehemalige DDR-Spieler wechselten bereits in den ersten fünf Jahren nach der Wende zu Westvereinen in der 1. oder 2. Bundesliga.

"Das Einbinden von Profis aus dem Osten in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft ging schneller als in anderen Bereichen", sagte einmal "Kaiser" Franz Beckenbauer. Bei den Clubs lief es anders. Stahl Eisenhüttenstadt, zu DDR-Zeiten vom Eisenhüttenkombinat Ost großzügig unterstützt, durfte 1991 als letzter Ost-Pokalfinalist sogar noch einmal im DFB-Supercup und im Europacup gegen Galatasaray Istanbul ran. Heute spielt Stahl in der Brandenburg-Liga vor 150 Zuschauern. "Mehr ist nicht drin", sagte Harry Rath, Trainer, einstiger Spieler und Ex-Geschäftsführer der Eisenhüttenstädter.

Auch Jena, 1981 Europapokal-Finalist (1:2 gegen Dinamo Tiflis), Lok Leipzig (1987 im EC-Endspiel Ajax Amsterdam unterlegen) und der zehnmalige DDR-Meister BFC Dynamo (damals direkt dem Ministerium der Staatssicherheit unterstellt) blieb der Absturz nicht erspart. Vier der letzten 14 Vereine der DDR-Oberliga (Sachsen Leipzig, Frankfurt/Oder, Eisenhüttenstadt, Stahl Brandenburg) sind heute in der 6. Klasse am Ball, einer (Lok Leipzig) in der fünften. Drei (Jena, Magdeburg, BFC) messen sich in der Regionalliga. Die Ex-Bundesligisten Dresden, Rostock und Cottbus findet man wie den Chemnitzer FC, Rot-Weiß Erfurt und den Halleschen FC in der 3. Liga.

"Nicht alles hat mit der Vereinigung zu tun", hatte Matthias Sammer bemerkt, einer der Protagonisten der Wende. Der heutige Sportvorstand des FC Bayern München durchlief die Dresdner Fußball-Schule und steht als erster Nationalspieler Ost und West als Symbol für die Fußballeinheit. Viele Clubs haben Fehler gemacht, auf falsches Personal gesetzt. Nicht die großen Konzerne, sondern höchstens kleinere Unternehmen und der Mittelstand unterstützen die Ostvereine, betonte Ralf Minge. Der einstige Spieler und Trainer ist als Sportdirektor wieder bei Dynamo.

Die Chance, den Anschluss nach oben noch einmal zu schaffen, war und ist nur klein. Union Berlin und Aue, in der letzten DDR-Saison nur Zweitligisten, sind immerhin in der 2. Bundesliga dabei. Und in Leipzig, Geburtsort des DFB und Stadt des ersten deutschen Meisters VfB, ermöglicht ein österreichischer Brausehersteller ein verheißungsvolles Projekt mit dem Verein RB. Einige neue Stadien sind entstanden - und zumindest die Sehnsucht nach großem Fußball bleibt.