Berlin - Crystal Meth ist auf dem Vormarsch. Für viele ist es nicht nur Partydroge - sie wollen psychische Probleme damit erträglich machen, handeln sich damit aber oft neue ein.

Die hochriskante Droge Crystal Meth breitet sich in großen Teilen Deutschlands weiter aus und hält auch viele Menschen mit psychischen Störungen im Griff. "In den Problemregionen hat sich die Lage in den vergangenen Jahren nochmals zugespitzt", sagte der Geschäftsführer des Hamburger Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung, Ingo Schäfer, am Montag (10. März).

Neben Bayern und Sachsen seien auch Thüringen und Sachsen-Anhalt betroffen. Auch in Berlin und Norddeutschland gebe es vermehrt Konsumenten, sagte Schäfer. Das kristalline Methamphetamin kommt oft aus tschechischen Drogenküchen. "Rund 30 Prozent aller Fälle in den Suchtberatungsstellen der grenznahen Gemeinden und Regionen betreffen Crystal", sagte Schäfer.

Das Bundesgesundheitsministerium veröffentlichte am Montag eine von ihm in Auftrag gegebene Studie des Hamburger Zentrums, über die bereits der "Spiegel" und die "Welt am Sonntag" berichtet hatten. "Was uns überrascht hat, ist die leichte Verfügbarkeit in den betroffenen Regionen", sagte Schäfer. So bekamen laut der Studie gut 73 Prozent der Befragten den Stoff von Freunden und Bekannten.

Die Suchtkarrieren der schnell abhängig machenden Droge sind oft verheerend. Konsumenten fühlen sich unter Strom und voller Energie, werden aber oft schnell ausgezehrt und bekommen körperliche Leiden wie Zahnschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Störungen kommen der Studie zufolge nach dem Drogenkonsum insbesondere bei dazu neigenden Menschen oft vor, können aber auch bei anderen auftreten. Neben Ängsten und Depressionen könne Crystal Meth auch Wahrnehmungsstörungen sowie Verfolgungs- und Zwangsgedanken hervorrufen.

Eine besondere Gefahr sehen die Studienautoren zudem in der sehr unterschiedlichen Qualität der illegal produzierten Substanzen. So könnten auch Verunreinigungen und Streckmittel schaden.

Viele Konsumenten wollten traumatische Erfahrungen aus der Kindheit wie etwa sexuellen Missbrauch mit der Droge überwinden, erläuterte Schäfer. Für solche Menschen falle es dann oft besonders schwer, wieder davon loszukommen.

In der Studie werden reihenweise Betroffene zitiert mit Motiven für den Konsum wie "Selbstmedikation bei Depression" oder "Meine Angststörung ist der für mich größte Konsumgrund". Schäfer sagte: "Wir brauchen für diese Gruppen spezielle Konzepte, die auch auf die posttraumatischen Störungen abzielen."

Neben Motiven wie angenehmer Wirkung und stärkerer Genuss von Sex und Freizeit wollen laut Studie 59 Prozent der Konsumenten durch Crystal ihre Stimmung aufhellen. Fast jeder zweite gab als Motiv an, das Leben ertragen zu wollen.

Jeder dritte Crystal-Konsument nahm die Droge nach eigenen Angaben im Monat vor der Befragung nahezu täglich. Zum ersten Mal nahmen viele den Stoff schon vor ihrem 16. Lebensjahr, viele anderen erst ab 30.

Crystal ist den Autoren zufolge in viel größerem Maß als Speed zumindest in den betroffenen Regionen auch jenseits von Partys und Freizeit auf dem Vormarsch. Rund jeder Zweite gab an, die Droge rund um die Arbeit zu nehmen, rund jeder vierte rund um Schule oder Ausbildungsstätte.

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) sagte, Vorbeugung sei angesichts der Unterschiede bei Motiven und Muster des Konsums eine große Herausforderung. Nötig seien auf die einzelnen Zielgruppen abzielende Ansätze.