Münnerstadt - Matsch statt Marathon: Vielen Sportlern reichen 42 Kilometer nicht mehr als Herausforderung. Sie gehen stattdessen in Extremläufen an ihre Grenzen - und kämpfen sich durch Matsch, Eiswasser oder Feuer. Angebote gibt es genug.

Die einen lassen sich mit Farbe bewerfen, die anderen kriechen durch Matsch oder bekommen Stromstöße: Für viele Läufer ist ein Marathon längst nicht mehr Nervenkitzel genug. Jährlich nehmen in Deutschland Tausende Sportler an Extremläufen wie "
Tough Mudder" oder "
Braveheartbattle" teil. Sind die alle irre?


"Es geht immer darum, an seine Grenze zu kommen", sagt der Sportpsychologe
Andreas Marlovits von der BSP Business School Berlin Potsdam. "Es geht um die Frage: Kann ich mich gegen einen heftigen Widerstand durchsetzen?" Ein Marathon, bei dem Sportler rund 42 Kilometer zurücklegen, sei ein vergleichsweise sauberer und eintöniger Lauf. "Irgendwann wird das relativ langweilig."


Der Eintönigkeit entkommen Läufer im unterfränkischen Münnerstadt zum Beispiel in einer metertiefen Schlammgrube. Beim "Braveheartbattle" legen sie zwar "nur" 28 statt 42 Kilometer zurück. Dafür müssen sie aber 50 fiese Hindernisse überwinden. Neben Schlammgruben sind das zum Beispiel Dornenhecken oder ein steiniger Fluss. Durchmogeln kann sich niemand: "Pussylanes" - also einfachere Routen - gebe es nicht, betont Veranstalter Joachim von Hippel.

Neben dem "Braveheartbattle" organisiert der ehemalige Soldat auch andere Extremläufe wie den "
Limes Run" und den "
CherokeeRun". "Dem Läufer muss man auch etwas bieten. Er sucht die Herausforderung", sagt von Hippel: Von den gut 3000 Teilnehmern des "Braveheartbattle" kamen zuletzt etwa fünf Prozent nicht ins Ziel - wegen Unterkühlung oder Verletzungen. Seiner Einschätzung nach macht die Fitness bei solch einem Rennen nur etwa 40 Prozent aus - der Rest sei Willensstärke.


"Jeder Läufer geht für sich durch die Hölle", sagt von Hippel. "Aber man kämpft zusammen, um die Strecke zu bewältigen." Anders als beim Marathon müssen die Teilnehmer einander bei vielen Extremläufen helfen, um ans Ziel zu kommen.

Genau das schätzt auch der 31-jährige Christian Förnges aus Frankfurt am Main, der am "Tough Mudder" teilgenommen hat. "Ein Marathon ist eine sportliche Herausforderung, "Tough Mudder" hat eher Eventcharakter", findet er. Der Matsch-Lauf, der mittlerweile sogar in mehreren Städten ausgetragen wird, spielt bewusst mit Ängsten.

Dunkle Tunnel, Schlammkäfige mit wenig Platz zum Atmen und brennende Hindernisse sind nur ein paar Beispiele. Auch mit Stromstößen müssen die Teilnehmer rechnen. Vor allem null Grad kaltes Wasser zu Beginn des Laufs habe er als hart empfunden, erinnert sich Förnges. "Insgesamt habe ich es aber eher als Spaß gesehen."

Genau das kann Sportwissenschaftlern zufolge bei Untrainierten problematisch werden. Da viele Menschen solche Läufe eher als Spaßveranstaltung sähen, muteten sie sich möglicherweise zu viel zu, warnt
Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Zudem könne der ständige Wechsel der einzelnen Belastungen den Körper auch bei fitten Teilnehmern stark fordern.


Tatsächlich muten sich unerfahrene Hobby-Athleten oft zu viel zu: Beim "Zugspitzlauf" starben vor einigen Jahren zwei Teilnehmer an Erschöpfung und Unterkühlung, weitere Läufer mussten ins Krankenhaus. Trotz schlechter Wettervorhersage waren viele der etwa 600 Sportler in kurzen Hosen und T-Shirts zu dem 16,1 Kilometer langen Rennen durch dichtes Schneetreiben auf die 2962 Meter hohe Zugspitze gestartet. Beim nächsten Mal fand er mit einer kürzeren Ausweichstrecke statt - und verlief ohne Zwischenfälle.

"Der Reiz liegt natürlich darin, dass man nicht merkt, wie lange man läuft", sagt Froböse. "Man hat aufgrund der Abwechslung nicht das Gefühl: Wie lange dauert das noch?"

Um Läufern etwas Neues zu bieten, setzen Veranstalter aber nicht nur auf Schlamm und Stromstöße: Der Renner ist derzeit auch der sogenannte "
Color Run" , bei dem sich Teilnehmer mit Farbe bewerfen und schließlich kunterbunt ins Ziel kommen. Dieser Lauf, der mit fünf Kilometern auch für Ungeübte leicht zu bewältigen ist, findet wegen der großen Nachfrage schon in zahlreichen deutschen Städten statt.


Weniger schmutzig geht es indes beim "
Gourmetlauf" in Fürth zu: Dabei besteht die Schwierigkeit für Läufer eher darin, trotz vollem Magen anzukommen - sie werden auf der Strecke nämlich mit Leckereien verköstigt.

Extremläufe in Deutschland
Braveheartbattle: Auf 28 Kilometern müssen Teilnehmer in Unterfranken 50 Hindernisse überwinden. Die tragen furchteinflößende Namen wie "Killing Drill" oder "Loch Ness". Mindestens zehnmal geht es durch einen kalten, steinigen Fluss, hinzu kommen Dornenhecken und Sumpfgebiete.

Limes Run: Der 22-Kilometer-Lauf führt direkt am Limes in Niederbayern und an historischen Stätten entlang. Das können entweder tiefe Schlammgruben sein oder ganze Moorfelder. Maximal vier Stunden haben die rund 3000 Teilnehmer Zeit. Wer zu langsam ist, wird disqualifiziert.

Cherokee Run: Getreu dem Motto "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" ist auch hier die Zeit auf maximal vier Stunden begrenzt. In einer Westernstadt in Brandenburg geht es 20 Kilometer durch Gestrüpp, Hecken, Sand, Steine und Holz. Teilnehmer müssen Strecken über 100 Meter schwimmen und durch sumpfige Gebiete waten.

Tough Mudder: Dieser Extremlauf spielt mit Ängsten. Teilnehmer müssen sich auf der 16 bis 18 Kilometer langen Strecke etwa auf dem Rücken durch einen schlammgefüllten Käfig mit nur wenig Platz zum Atmen ziehen. Dunkle, schmale Gänge gehören ebenso zum Programm wie Elektroschocks. "Tough Mudder" findet an mehreren Orten statt, hierzulande etwa in Hamburg oder Nordrhein-Westfalen.