Berlin - Depressionen sind eine Volkskrankheit - doch viele Betroffene wollen nicht darüber sprechen. Und in der Versorgung klaffen Lücken: Eine angemessene Behandlung ist selbst bei schweren Fällen nicht die Regel.

Hunderttausende Patienten mit einer schwerer Depression in Deutschland erhalten keine angemessene Therapie. Das geht aus einer am Mittwoch (19. März) veröffentlichten
Studie der Bertelsmann Stiftung hervor. Viele scheuen sich demnach auch davor, über ihre Krankheit zu sprechen. Auf der anderen Seite gibt es aus Expertensicht auch viele Fälle, in denen Ärzte zum Beispiel normale Trauer als psychisches Leiden werten.


56 Prozent der schwer Depressiven werden laut Studie unzureichend behandelt, also nur mit Antidepressiva oder einer Psychotherapie, aber nicht mit einer Kombination aus beidem. Insgesamt leiden der Stiftung zufolge neun Millionen Deutsche an einer behandlungsbedürftigen Depression - mindestens 15 Prozent von ihnen sind schwer krank.

18 Prozent dieser Schwerkranken werden nach der Erhebung gar nicht behandelt. Nur 26 Prozent bekämen - wie in Leitlinien vorgesehen - eine kombinierte Behandlung mit Medikamenten und Therapie oder eine Behandlung in einer Klinik.

Bei rund drei von vier Betroffenen werden Depressionen laut einer weiteren
Studie hingegen zunächst in leichten und unspezifischen Formen diagnostiziert. Ein Grund sei die oft schwierige Diagnosestellung, erläuterte der Mitherausgeber des Versorgungsreports des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Norbert Schmacke. Zwischen angemessenen Gefühlsreaktionen und krankhaften Störungen zu unterscheiden, sei nicht einfach. "Temporäre Belastungssituationen oder Trauerreaktionen können schnell mit einer Depressionsdiagnose einhergehen."


Auch die AOK-Studie zeigt Mängel bei der Versorgung. So würden auch schwere Depressionen zu rund 38 Prozent vom Hausarzt allein behandelt. 58 Prozent der Patienten bekämen Hilfe von Fachleuten wie Psychiatern oder Nervenärzten. Schmacke sprach sich dafür aus, dass Behandlungen planmäßig in mehreren Stufen stattfinden - entsprechend dem Schweregrad der Erkrankung.

Einen möglicher Grund für die oft nicht angemessene
Behandlung sehen die Autoren der Bertelsmann-Studie im Mangel an Psychotherapeuten in vielen Regionen. Die Wartezeit für die Patienten betrage im Schnitt 17 Wochen.


Es kommt dabei stark darauf an, wo die Patienten wohnen. Die insgesamt beste Versorgung im Ländervergleich gebe es in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Schlusslichter seien Sachsen-Anhalt, Thüringen und das Saarland.

Die wenigsten psychotherapeutischen Behandlungen gibt es der Studie zufolge in ländlichen Kreisen in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Die Stadtstaaten und die Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen hätten ein vergleichsweise gutes Angebot.

Viele psychisch Erkrankte wollten ihr Leiden zunächst aber auch nicht wahrhaben oder sich niemandem mitteilen, um nicht schlecht angesehen zu werden. "Die Scham, über psychische Probleme zu sprechen und diese als Erkrankung anzuerkennen, stellt auch heute noch eine relevante Barriere auf dem Weg in eine adäquate Versorgung dar", so die Studie.