Stuttgart - Gestresste Eltern sind ein Mythos. Wenn man einer neuen Studie glaubt, ist ihr Stresslevel genauso hoch wie bei Kinderlosen. Die Forscher finden dafür eine ungewöhnliche Erklärung.

Erst Karriere und dann Kinder? Wer die Familiengründung aus beruflichen Gründen verschiebt, läuft Gefahr, gar keinen Nachwuchs mehr zu bekommen. Die Ergebnisse des Gesundheitsreports 2014 der DAK Baden-Württemberg können junge Menschen ermuntern, sich zuzutrauen, beides unter einen Hut zu kriegen. Denn unter Sorgen und Überforderung leiden erwerbstätige kinderlose Männer und Frauen nicht weniger als arbeitende Mütter und Väter. "Beides gleichzeitig zu machen, führt nicht zu mehr Stressbelastung", resümierte Jörg Marshall vom Berliner IGES Institut, das den Report für die Krankenkasse erarbeitet hatte.

Gemessen an einer Stressskala von 0 bis 48 (maximaler Stress) landeten kinderlose Erwerbstätige und solche mit Kindern bei Werten rund um 20 - wobei die kinderlosen Arbeitnehmerinnen mit 20 am meisten gestresst sind und die erwerbstätigen Väter mit 17,2 am wenigsten. Grundlage der Erhebung war die sogenannte Generation "Rushhour" der 25- bis 39-Jährigen, die in relativ kurzer Zeit die Weichen für ihr späteres Leben stellen müssen: Karriere, Heiraten und Kinderkriegen. Befragt wurden mehr als 3000 Männer und Frauen im Südwesten.

Der Heidelberger Arbeitspsychologe Karlheinz Sonntag schlussfolgerte, dieses Ergebnis könne jungen Menschen die Angst nehmen, Familie und Beruf nicht in Einklang bringen zu können. Die Familie biete Erholungsmomente und helfe, von den Ansprüchen der Arbeitswelt abzuschalten. Allerdings bleibe bei erwerbstätigen Eltern ausreichend Schlaf, Sport und eine gesunde Ernährung auf der Strecke.

Die Wünsche erwerbstätiger Eltern nach Entlastung weichen noch in vielen Bereichen davon ab, was Arbeitgeber ihnen an Möglichkeiten bieten. Während bei Teilzeitangeboten Wunsch und Wirklichkeit weitgehend übereinstimmen, sind die Defizite bei Betriebskindergärten und bei Notfallkinderbetreuung sehr groß. Nur 7,5 beziehungsweise 4,5 Prozent der Befragten berichteten davon aus ihrem Betrieb. Die wenigsten Arbeitgeber ermutigen nach der Befragung Männer, Elternzeit zu nehmen. DAK-Landeschef Markus Saur meinte: "Eine gute Familienpolitik ist auch eine gute Gesundheitspolitik und familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind auch gesundheitsfördernde."

In der Wahrnehmung erwerbstätiger Frauen ist die Elternschaft ein massiver beruflicher Nachteil. 54,4 Prozent bejahten den Satz: "Ohne Kinder wäre ich in meinem beruflichen Fortkommen schon weiter." Von den Vätern unterschrieben nur 12,7 Prozent diese Aussage.