Berlin - Jahr für Jahr bekamen immer mehr Kinder Psychopharmaka gegen ADHS - nun sind die Zahlen gesunken. Werden die Pillen also weniger sorglos verschrieben? Experten warnen vor vorschnellen Antworten.

Behelfen sich Ärzte bei aggressiven, lauten, ungeduldigen Kindern zu oft mit der Mode-Diagnose ADHS - und greifen zu locker zum Rezeptblock? Werden Kinder in Deutschland mit dem Medikament Ritalin oft ohne Not ruhiggestellt? Maik Herberhold kann sich richtig ärgern, wenn jemand zu schnell mit pharmakritischen Annahmen zum "Zappelphilipp-Syndrom" bei der Hand ist. Oder wenn Krankenkassen laut vor zu vielen Pillen für Kinder warnen. Der Bochumer Kinderpsychiater und -psychotherapeut erinnert dann an Zeiten, als die Störung bei Betroffenen noch gar nicht erkannt wurde.

"Die Realität war jahrzehntelang, dass die Krankheit übersehen wurde", sagt der Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Misserfolg in der Schule und im Leben insgesamt seien dann oft vorgezeichnet gewesen. "Viele landeten in Gefängnissen, viele hatten eine Drogenkarriere", sagt der Arzt.

Doch Sorgen machte in den vergangenen Jahren weniger das Übersehen der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung - sondern, dass die Zahlen in dem Bereich immer weiter in die Höhe gingen. "Wir haben hier amerikanische Verhältnisse", sagte etwa der Chef des Hannoveraner Forschungsinstituts Iseg, Friedrich Wilhelm Schwartz, vergangenes Jahr bei der Vorstellung einer Studie der Barmer GEK. Vor allem Jungs hätten eben ein lebhafteres Bewegungsbild - doch die Eltern fühlten sich unter Druck, notfalls mit Psychopharmaka beim schulischen Erfolg nachzuhelfen.

Nun wurden erstmals weniger der Pillen verschrieben. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ging der Verbrauch des Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat 2013 erstmals leicht um 2 Prozent auf 1803 Kilogramm zurück. Zuvor gab es über Jahre einen Anstieg, am stärksten gegenüber dem Vorjahr mit 91 Prozent im Jahr 2000. Bis 2008 stieg der Konsum dann jährlich um im Schnitt 17 Prozent, seit 2009 nur noch um etwa 3 Prozent. Auch Daten der Techniker Krankenkasse bestätigen den neuen Trend - sie zeigen, dass zuletzt etwas weniger Minderjährige ADHS-Medikamente nahmen.

Kehrt nach zu vorschnellen Diagnosen nun Vernunft ein? Experten raten zur Vorsicht bei der Deutung der Daten. BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger meint, die Diagnosemöglichkeiten seien besser, aber auch Fehl- und Übertherapie in der Vergangenheit könnten nicht ausgeschlossen werden. Auch 2010 beschlossene schärfere Vorgaben für die Ärzte bei der Verschreibung von Ritalin haben wohl eine Rolle gespielt, heißt es bei der Techniker Krankenkasse.

Klar ist: Die Medikamente sind nicht ohne Risiko. Mit Selbstversuchen über die Wirkung haben in den vergangenen Jahren auch gesunde Erwachsene Menschen aufgeschreckt. Angstzustände und Auswirkungen auf das Wachstum der Kinder zählen zu möglichen Nebenwirkungen.

Doch Herberhold sagt auch: "Wenn ADHS klar nachgewiesen ist, gibt es für die Kernsymptome kaum eine andere Chance als die Medikamente." Es ist nach seiner Überzeugung nicht ausgemacht, dass der erstmalige Verordnungsrückgang nun bedeutet, dass nun Betroffene ausreichend erkannt und behandelt werden. Es kann laut dem Facharzt vielmehr immer noch sein, dass vor allem manche Haus- und Kinderärzte die Störung vorschnell diagnostizieren - und bei anderen Kranken das Leiden auch nach wie vor nicht erkannt wird.

Fünf bis sechs Diagnostiktermine von jeweils einer Stunde sowie Elterngespräche sieht er etwa in seiner Praxis vor, bevor die Diagnose sicher gestellt werden kann. Um ADHS in Deutschland besser in den Griff zu bekommen, brauche es mehr Engagement der Krankenkassen und Teams von Kinderärzten, -psychologen und -psychiatern.