Heidelberg - Rund 2000 Kinder erkranken in Deutschland Jahr für Jahr an Krebs. Für ein Viertel von ihnen gibt es bislang nur wenig Hoffnung. Krebsforscher wollen das ändern - mit einer Erbgutanalyse und Therapie nach Maß. Der Erfolg muss sich erst zeigen.

Es war ein Tag Anfang November, der im Leben der Heidelberger Mutter alles veränderte. Ihr Sohn Paul konnte sich auf einmal nicht mehr geradehalten, war plötzlich linksseitig gelähmt. Die Diagnose: Der damals Vierjährige hatte Krebs, in seinem Kopf saß ein großer Hirntumor. "Die Aussichten waren dramatisch schlecht", sagt die 42-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Bis dahin war er ein absolut gesundes, fröhliches Kind, hatte höchstens mal Schnupfen." Die Mutter versucht, mit dem Thema möglichst rational umzugehen. "Ich habe mir nie die Frage nach dem "Wieso" gestellt, sondern nur: "Was jetzt?"".

Etwa 2000 Kinder bekommen in Deutschland jedes Jahr die Diagnose
Krebs. Die meisten von ihnen, etwa drei von vier, werden dauerhaft geheilt. "Ein besonderes Problem haben aber die Kinder, die wir heute nicht erfolgreich behandeln können, bei denen die Therapie versagt und die in der Regel an ihrer Krankheit versterben", sagt der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, Otmar Wiestler.


Wissenschaftler und Ärzte arbeiten daran, die Chancen dieser Kinder zu verbessern: Dank der Möglichkeit einer kompletten Erbgutanalyse können sie das Erbgut der Tumorzellen mit dem der gesunden Zellen vergleichen. Auf diese Weise wollen die Forscher Medikamente finden, die individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt sind. Während eine Chemotherapie auch gesunde Zellen zerstört, greifen "intelligente Medikamente" sehr viel gezielter die kranken Zellen an.

Zielgruppe des sogenannten Inform-Projekts sind krebskranke Kinder, die einen Rückfall erlitten haben oder deren Heilungschancen die Ärzte von Anfang an als sehr gering einschätzen. "Wir sind heute in der Lage, in nur zwei Tagen ein komplettes menschliches Erbgut zu lesen", sagt Wiestler. Für eine individualisierte Krebsbehandlung gebe es immer mehr Medikamente. Krebs ist nicht gleich Krebs: Auch bei ein und derselben Krebsart können sich die Mutationsmuster von Patient zu Patient stark voneinander unterscheiden.

Rund 20 Kinder sind Pilotpatienten des Projekts, das auf das gesamte Bundesgebiet ausgedehnt werden soll. Paul aus Heidelberg ist einer von ihnen. "Wir wissen natürlich nicht, was herauskommt", sagt die Mutter. Bislang sei der Verlauf aber recht gut. "Er fängt an, wieder die linke Hand zu bewegen."

Die Methode eigne sich für Kinder besonders gut, sagt DKFZ-Kinderarzt Stefan Pfister, einer der Koordinatoren des Inform-Projekts. "In Kindertumoren gibt es 100 Mal weniger Mutationen als bei einem durchschnittlichen Erwachsenentumor. Das macht es viel einfacher, das Puzzle zu verstehen." Viele der intelligenten, zielgerichteten Medikamente seien allerdings bislang nicht oder nur für Erwachsene zugelassen. "Es ist schon eine experimentelle Therapie, das besprechen wir mit den Eltern und den Patienten."

Wie viele von ihnen auf diese Weise geheilt werden könnten, sei noch nicht absehbar, sagt Pfister. Die individualisierte Therapie bedeute aber auf jeden Fall weniger Nebenwirkungen und Krankenhausaufenthalte als eine Standard-Chemotherapie.

Das spendenfinanzierte Inform-Projekt unter Leitung von DKFZ, Universitätsklinikum Heidelberg und Berliner Charité möchte vom 1. Juli an mit 130 Patienten im Jahr beginnen. Das Erbgut der Kinder aus ganz Deutschland soll in Heidelberg entschlüsselt werden.

Welche Heilungschancen ein
krebskrankes Kind mit Rückfall habe, sei sehr individuell und hänge von der speziellen Situation des Menschen ab, sagt eine Sprecherin der Deutschen Krebshilfe. Der Schritt von einer Therapie für alle hin zu einer individualisierten Therapie sei ein Meilenstein für die Medizin. "Es wäre gut, wenn jeder das bekommt, was er braucht."