Kassel - Ein warmer Abend, Grillenzirpen, ein kühles Getränk, - und plötzlich ertönt "Jingle Bells". Das Gedudel im Kopf geht weiter und weiter, die schöne Stimmung ist dahin. Viele kennen das: Ein Ohrwurm kommt meist ungelegen und hört einfach nicht mehr auf.

Einige Personengruppen sind besonders empfänglich für Ohrwürmer. "Das scheint vor allem für Menschen zu gelten, die sich sehr viel mit Musik beschäftigen, die selbst musizieren, viel Radio hören oder eine große Plattensammlung haben", sagt Prof. Jan Hemming, Musikwissenschaftler an der Universität Kassel. Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen wohl eine Rolle, ergänzt Prof. Eckhart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover: "Besonders anfällig für Ohrwürmer sind sensible Personen mit niedrigen Reizschwellen."

Einig sind sich die Wissenschaftler, dass ein Ohrwurm auf einer Gedächtnisleistung basiert. "Eine Melodie gelangt irgendwann über die Hörorgane ins Gehirn und wird im Langzeitgedächtnis eingespeichert", erklärt Hemming. Wo genau das passiert, darüber gibt es bislang nur Vermutungen. Ohrwürmer lassen sich nicht gezielt erzeugen - und damit auch nicht mittels Magnetresonanztomographie oder im EEG in Aktion beobachten.

"Ohrwurmtaugliche Melodien enthalten keine großen Tonsprünge oder komplexe Rhythmen", erläutert Altenmüller. Selten werden Instrumentalstücke zum Ohrwurm. "Ein Text mit einfachen Worten kann unterstützend wirken. Umgekehrt wird ein Lied in einer fremden Sprache, die man überhaupt nicht versteht, kaum zum Ohrwurm."

Eine eingängige Struktur alleine reicht also nicht. Auch die Häufigkeit des Hörens spielt wohl keine Rolle. Entscheidend ist vielmehr ein innerer, emotionaler Bezug zu einer bestimmten Melodie. "Zu diesem Effekt kommt es, wenn jemand starke, meist positive, manchmal aber auch negative Gefühle mit dieser Melodie verbindet", sagt Michael Deeg vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte in Neumünster.

Unwillkürlich kommt die Melodie dann irgendwann in Form einer Imagination wieder zum Vorschein. "Das geschieht bevorzugt in Situationen, wo im Gehirn Leerlauf herrscht", sagt Hemming. Eine Assoziation - ein Stichwort, ein Ort, ein Geruch oder eine auch eine Stimmung - stellt dann die Verbindung zu der gespeicherten Melodie her und aktiviert sie.

Laut Altenmüller beträgt die klassische Länge zwischen vier und acht Sekunden. Welcher Teil des Liedes dann immer wiederkehrt, das sei bei jedem unterschiedlich. "Beim einen ist es der Anfang, beim nächsten ein bestimmter Reim oder die letzte Zeile des Textes."

Zum Loswerden gibt es verschieden Techniken. Einige Forscher raten, das ganze Ohrwurmlied zu hören, um das Gehirn von der Fetzen-Wiederholung zu erlösen. HNO-Arzt Deeg empfiehlt, gezielt auf eine andere Melodie zu setzen: "Der Ohrwurm wird in den Bereichen des zentralen Nervensystems repräsentiert, die für das Hören generell zuständig sind." Das Gehirn könne nicht gleichzeitig den Ohrwurm wiedergeben und neue akustische Signale hören und verarbeiten. Doch Vorsicht: Es kann durchaus passieren, dass man sich mit dieser Strategie den nächsten Ohrwurm einfängt.

Manch ein Betroffener versucht, den vermeintlichen Leerlauf im Gehirn zu beenden. "Das geht beispielsweise, indem man sich auf eine Tätigkeit konzentriert, die angenehm fordert und mit wenig Emotionen verbunden ist", sagt Hemming. Schachspielen, intensive Gespräche oder auch Sudokus sind prima Ablenkungsmanöver für die grauen Zellen.