Reutlingen - Etwa ein Fünftel aller an Rheuma erkrankter Frauen erhält die Diagnose, bevor sie ein Kind bekommen. Trotzdem ist Nachwuchs möglich. Sie brauchen dann aber einen guten Plan für die Therapie, die Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt.

Maria Krauser kann sich nicht daran erinnern, jemals ohne Gelenkbeschwerden gelebt zu haben. Im Alter von vier Jahren erkrankte sie an einer frühen Form von rheumatoider Arthritis. Sie nimmt sie dauerhaft Medikamente, darunter auch das für Embryos schädliche Methotrexat (MTX). Mit Mitte 20 kam bei der jungen Frau aus Reutlingen der Wunsch nach einem eigenen Kind auf. Sie fragte sich: Welche Medikamente kann ich weiter ohne Probleme nehmen?

Weltweit leiden 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung an einer rheumatoiden Arthritis, Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer. Etwa ein Fünftel der Frauen erhält die Diagnose bereits vor dem ersten Kind. "Früher hat man diesen Frauen nicht selten ganz von einem Kind abgeraten, das ist heute nicht mehr so, aber eine Schwangerschaft und auch die Zeit danach sollte möglichst optimal geplant sein", sagt Rebecca Fischer-Betz von der
Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh).


In einigen Studien wurde festgestellt, dass es bei Frauen mit einer rheumatoiden Arthritis häufiger zu Wachstumsverzögerungen des Babys in der Gebärmutter und zu Frühgeburten kommen kann. Zudem träten häufiger sogenannte Schwangerschaftsvergiftungen auf, mit starkem Anstieg des Blutdrucks zur Geburt hin, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. "Deswegen werden wir diese Frauen aufmerksam überwachen."

Eine rheumatoide Arthritis verläuft oft in Schüben. "Ich empfehle, eine Schwangerschaft in einer Phase anzugehen, bei der das Rheuma stabil ist", sagt Fischer-Betz. Sichere Medikamente sollten weiter eingenommen werden, um das Schubrisiko und auch das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen zu reduzieren. Wichtig sei aber das rechtzeitige Absetzen von MTX - mindestens drei Monate vor der Empfängnis - und anderen Medikamenten.

"Wir gehen davon aus, dass das Risiko von Skelettfehlbildungen bei 6 bis 8 Prozent liegt, wenn MTX in den ersten Wochen einer Schwangerschaft eingenommen wurde, das Risiko einer Fehlgeburt liegt bei etwa 40 Prozent", sagt Fischer-Betz, die am Universitätsklinikum Düsseldorf tätigt ist. Zum Vergleich: Das allgemeine Risiko für Fehlbildungen liegt bei etwa 3 Prozent.

Weitere Fragen drehen sich um neue Medikamente wie die TNF-alpha-Blocker, die seit 10 bis 20 Jahren auf dem Markt sind. "Wir haben aus Fallserien und Registern einen Überblick über etwa 1000 Schwangerschaften, bei denen in frühen Phasen der Schwangerschaft TNF-alpha-Blocker genommen wurden, es gibt aktuell keinen Anhalt für vermehrte Fehlbildungen", sagt Fischer-Betz. "Doch wir hätten gerne noch mehr Sicherheit, um klare Empfehlungen aussprechen zu können."

Maria Krauser ließ sich gut von ihren Ärzten beraten. Sie setzte MTX ab und nahm andere Medikamente ein. "Die erste Schwangerschaft verlief gut, ich fühlte mich fit und nahm auch nicht zu viel zu", sagt die heute 32-Jährige. Im Jahr 2009 kam ihr erster Sohn zur Welt, per Kaiserschnitt. "Ich hatte 2007 eine künstliche Hüfte bekommen und wollte kein Risiko eingehen, dass während der Geburt etwas passiert am Gelenk." Laut Frauenarzt Albring wird nicht jeder Frau mit einem rheumatischen Krankheitsbild zu einem Kaiserschnitt geraten, teils sei aber die Muskulatur sehr schwach oder die Wirbelsäule und die Hüfte stark betroffen. Dann sei ein geplanter Kaiserschnitt besser.

Drei Jahre später kam Krausers zweiter Sohn zur Welt. Inzwischen berät sie für die Rheuma-Liga ehrenamtlich betroffene Frauen und
junge Rheumakranke. "Es gibt einen regen Austausch oder auch Tipps, wie man die Kinder beispielsweise trotz Gelenkbeschwerden, heben, tragen oder wickeln kann", erzählt sie. "Mit einem guten Netzwerk und guter Beratung ist ein Leben mit Rheuma und Familie prima möglich."