München - Demenz, Schlaganfall, Schwindel - daran leiden in einer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen. In München diskutieren Neuromediziner über Diagnosen, Therapien und mögliche Ursachen von neurologischen Krankheiten.

Bei Alzheimer-Demenz und Parkinson können Neuromediziner ein Übertragungsrisiko bei bestimmten medizinischen Eingriffen nicht gänzlich ausschließen. Aus Tierversuchen gebe es Hinweise auf eine Übertragung der Krankheiten, sagte der Münchner Neuropathologe Armin Giese am Dienstag (16. September) bei der Eröffnung der
Neurowoche in München. Patientenschützer betonten, es gebe keinen Anlass zu Panik.


Verklumpte Eiweiße aus dem Gehirn von Parkinsonpatienten seien Affen gespritzt worden, bei denen anschließend ähnliche Veränderungen im Gehirn beobachtet worden seien. Allerdings schränkte Giese ein: "Es gibt derzeit keinen Hinweis, dass man sich mit Alzheimer oder Parkinson beim sozialen Kontakt oder bei der Pflege von Patienten anstecken kann." Mögliche Übertragungswege etwa bei Bluttransfusionen oder Hirnoperationen seien aber nicht vollständig geklärt. Es gebe ein theoretisches Risiko. Nun stelle sich die Frage, welche Konsequenzen man daraus zieht.

Dieses theoretische Risiko müsse in der Praxis heute schon mit zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen bei Operationen ausgeschlossen werden, verlangte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Zugleich rief er zu Zurückhaltung auf. "Ich warne davor, ungesicherte Annahmen zu früh in die öffentliche Diskussion zu tragen. Zu Panik gibt es keinen Anlass."

Die Alzheimer-Demenz und Parkinson breiten sich im Gehirn offenbar wie ein Infektionskrankheit aus, wie Giese berichtete. Die verklumpten Proteine lösen offensichtlich eine Kettenreaktion aus, die wie eine Lawine auf verschiedene Gehirnteile übergreift. Die Neuromedizin befasse sich derzeit intensiv mit der Frage, wie diese Kettenreaktion gestoppt werden kann. "Wenn es gelänge, diese Prozesse aufzuhalten, könnte das ein wichtiger Schritt zur Behandlung dieser bisher unheilbar fortschreitenden Erkrankung sein."

Giese gab zu bedenken, dass es bei Alzheimer-Demenz und Parkinson Parallelen zu den sogenannten Prionerkrankungen wie Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) und BSE gebe. Bei diesen sei die Übertragbarkeit erst spät nachgewiesen worden. Umso wichtiger sei es nun, der Frage bei Alzheimer und Parkinson verstärkt nachzugehen.

Bei dem größten deutschsprachigen Kongress der Neuromedizin befassen sich in München bis Freitag (19. September) rund 7000 Fachleute aller neuromedizinischen Fachrichtungen mit den Herausforderungen der Zukunft. Der interdisziplinäre Ansatz berge eine große Chance für neue Impulse, sagte Kongresspräsident Wolfgang Oertel von der Klinik für Neurologie der Universität Marburg.

Themen sind etwa Diagnose- und Therapiemöglichkeiten für Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Epilepsien, Kopfschmerz oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Immer mehr Menschen leiden in der älter werdenden Gesellschaft an neurologischen Krankheiten von Demenz über Schlaganfall bis zu Schmerzerkrankungen und Schwindel. Die Zahl dieser Patienten stieg den Angaben zufolge allein in den vergangenen fünf Jahren um 25 Prozent.