Kalsow - Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft geht von derzeit 1,5 Millionen Demenzkranken in der Bundesrepublik aus. Die meisten werden von ihren Angehörigen versorgt. Neue Demenz-WGs bieten familienähnliche Betreuung. Doch die Einrichtungen sind bislang selten.

"Pharmazie, ich habe eine Apotheke", sagt die 102-jährige Eva Framm, wenn sie nach Studium und Beruf gefragt wird. Jahrzehnte voller Lebenserinnerungen schrumpfen in Kalsow bei Wismar auf wenige Schlaglichter zusammen. Auf 93 schätzt die kleine schlohweiße Frau ihr Alter. Damit endet die Rückschau. Sie nimmt die Hand ihrer Mitbewohnerin. "Aber du bleibst bei mir", versichert sich die Greisin. "Immer", entgegnet die 20 Jahre Jüngere, während sie bunte Herbstblätter in ein Körbchen steckt. "Wunderschön, so was werde ich zu Hause auch mit meinen Enkeln basteln", verkündet die frühere Lehrerin stolz.

Im "Haus Lethe", der im Mai eröffneten Demenz-WG im nordwestmecklenburgischen Dörfchen Kalsow, ticken die Uhren anders. In dem Wohnhaus mit zehn Einzelzimmern und einem großen hellen Gemeinschaftsraum sind die Senioren selbst Mieter. Rund um die Uhr werden sie von einem ambulanten Pflegedienst versorgt, wie dessen Leiterin Heike Hocke erklärt. Vor allem persönlicher als in einer großen Einrichtung gehe es in solch einer WG zu. Und die Bewohner seien hier nicht so einsam wie in den eigenen vier Wänden oder der Wohnung der Kinder.

Nach Angaben der
Deutschen Alzheimer Gesellschaft (Berlin) leiden weltweit mehr als 44 Millionen Menschen an einer Form von Demenz, einer nicht heilbaren Erkrankung des Gehirns. In Deutschland werde sich die Zahl von derzeit 1,5 Millionen Demenzkranken, davon 60 Prozent Alzheimer-Patienten, bis 2050 verdoppeln, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt, hieß es.


Acht von zehn Demenzpatienten bundesweit werden den Statistiken zufolge in den Familien betreut. Auf die Situation von Betroffenen und Angehörigen macht seit 1994 der
Welt-Alzheimertag (21. September) aufmerksam. Das Motto in diesem Jahr: "Demenz - jede/r kann etwas tun".


Familienähnliche Demenz-WGs sind als Alternative zwischen der häuslichen Pflege oder dem Heim bislang eher selten in Deutschland. Seit zwei Jahren werden sie vom Bund mit Anschubfinanzierungen und monatlich 200 Euro Extra-Zuschuss je Bewohner gefördert. Während sich die neue Wohnform in Großstädten wie Berlin oder Köln etabliert, stecken die kleinen Pflege-Häuser in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern noch in den Kinderschuhen. Die größte Stadt im Nordosten, Rostock, zählt gerade drei Demenz-WGs. In Dörfern gibt es sie bisher kaum.

Auf dem Lande haben früher Kinder und Enkel Haus und Hof weitergeführt, während die Alten mit versorgt wurden, sagt Pflegedienstchefin Hocke in Kalsow. "Diese Kümmerstrukturen kann man heute getrost vergessen." Einen Ausweg aus der Versorgungsmisere sieht sie in überschaubaren Wohneinheiten, die den Senioren Ruhe und Rückzug ebenso ermöglichen wie Geselligkeit und Gemeinschaft. Für die von Beginn an voll belegte WG in Kalsow gibt es bereits eine Warteliste.

Vor dem Mittagessen bittet Altenpflegerin Verena Griechen drei Frauen zum Tischdecken. Mittun sei ausdrücklich erwünscht und wichtig für einen regelmäßigen Tagesablauf, sagt sie. Während manche Bewohnerin gern bügelt, schält eine andere Kartoffeln oder fegt den Flur. Ein anderer Bewohner, der früher oft weglief und sich verirrte, führt heute gern mal den jungen Hund der Chefin spazieren und findet in Begleitung des Vierbeiners sicher wieder zurück, wie die Pflegerin erzählt.

Die Geborgenheit in der kleinen, überschaubaren Wohngemeinschaft habe aber noch einen wichtigen medizinischen Nebeneffekt, betont Verena Griechen. Ablenkung und das sichere Gefühl, nie einsam und auf sich allein gestellt zu sein, sei für viele Demenzkranke eine wirkungsvolle Schmerztherapie, meint sie. Bei den meisten ihrer "Schützlinge" jedenfalls habe sie die Gabe von schmerzstillenden Medikamenten reduzieren oder sogar ganz absetzen können.